Vorwort des Festivals
Mit Genco Erkal, Ercan Kesal und weiteren KünstlerfreundInnen werden wir am 20.März das 25. Filmfestival Türkei Deutschland eröffenen.

Für eine außergewöhnlich Begegnung haben wir Genco Erkal und Ercan Kesal zu einem gemeinsamen Gespräch in Istanbul eingeladen. Das Thema war “klar” umrissen,über die Kunst und das Leben. Es entstand ein wunderbares Gespräch, das seine Aktualität im Laufe der Zeit nicht verlieren wird. Wir bedanken uns bei unseren Künstlerfreunden Genco Erkal und Ercan Kesal für Ihre Bereitschaft undfür Ihre Zeit, um diese tolle Begegnung zu ermöglichen.

Das Gespräch publizieren wir in Deutsch nur als Text. In Türkisch ist es auf Video und als Text erhältlich.

Interview als pdf-Download

„Wir glaubten an die Revolution durch Theater“

Ein Gespräch zwischen Genco Erkal – Ercan Kesal
Januar 2020, Istanbul

Übersetzung aus dem Türkischen: Murat Çakır

 

Ercan Kesal: Herzlich Willkommen.
Genco Erkal: Danke.

E: Natürlich bin ich nicht der Gastgeber. Wir alle sind herzlich willkommen hier, bei unseren Freunden. Es ist ein schönes Gefühl, mit Ihnen hier zu sein und sich zu unterhalten... Das will ich zuallererst von meiner Seite aus sagen, ich bin dankbar, dass unsere Freunde dies ermöglicht haben.
G: Auch ich bin sehr sehr glücklich.

E: Seit gestern habe ich eine Frage im Kopf. Damit will ich beginnen, wenn Sie es mir erlauben. Wie kann ein Mensch sich mit Kunst, Kino, Literatur, eben all solchen Sachen, die über abstrakte Begriffe definiert werden, so beschäftigen? Warum kommt der Mensch irgendwann dazu? Warum beteiligt er sich daran? Das hat mich immer beschäftigt. Denn, wie Sie wissen, bin ich ein Arzt.
G: Ja.

E: Mit 47 sah ich mich zum ersten Mal vor der Kamera. Nun auch die letzten 12 Jahre. Jetzt haben wir das Jahr 2020. Mein Leben läuft quasi im Kino.
G: Ja.

E: Sowohl als Schauspieler, als auch als Drehbuchautor. Sowohl vor der Kamera als auch dahinter. Ich lese gerade Kieslowski. Da gibt es eine schöne Anekdote. Der polnische Regisseur wollte lange Zeit ein Feuerwehrmann sein.
G: Ja.

E: Aber seine Mutter beharrt darauf, dass er Regisseur wird. Sie will, dass er ins Kino geht und ermöglicht ihm an den Aufnahmeprüfungen der Kinoschule in Lodz teilzunehmen. Aber er schafft es immer wieder die Prüfung nicht zu bestehen.
G: Er will es also nicht.

E: Wahrscheinlich.
G: Sein Inneres will es nicht.

E: SO ist es. Dann, es ist seine letzte Chance, soll ein Vorgespräch stattgefunden haben. Er sagt, dass er nach draußen gegangen sei. Sagt:„Es war sehr regnerisch. Meine Mutter wartete an den Treppen auf mich. Es goss in Strömen. Sie fragte, wie es gelaufen ist. Ich sagte ihr, dass es wieder schlecht gelaufen sei. Ich weiß es nicht, ob der Regen der Grund war oder die Tränen, die meine Mutter in den Augen hatte. Dann hat mich diese Situation so beeinflusst, so dass ich dachte, dass ich dieses Film-Studium aufnehmen muss.“
G: Siehst du.

E: Dann beginnt er mit dem Kino. Und heute ist er meiner Meinung nach einer der wichtigsten Kinomacher unserer Epoche. Jahre danach fragt sich der polnische Filmemacher immer noch, „Hatte meine Mutter damals Tränen in den Augen oder habe ich das wegen dem Regen so gesehen.“ Er ist sich immer noch nicht sicher, ob er die falsche Entscheidung getroffen hat oder nicht. Nach so vielen guten Filmen... Dann gibt es bei uns den Ömer Lütfi Akad, Sie kennen ihn ja...
G: Ja.

E: Wie er zum Filmemachen kam... Wie ein Mensch, der Buchhalter war, von einer Minute zum anderen sein Leben nun hinter der Kamera durchlebt.
G: Quasi, ein Zufall...

E: Oder Metin Erksan... Er stellte sich hinter die Kamera, nachdem ihn ein Produzent gebeten hatte, den Film zu Ende zu bringen... Ich dagegen hatte in meinem Leben, auch wenn ich großes Interesse an Filmen hatte und den Wunsch gehegt habe, ein Regisseur oder Drehbuchautor zu werden, überhaupt nicht damit gerechnet. Sie hingegen sind geboren, um Schauspieler zu werden...
G: Wahrscheinlich...

E: Und es sieht danach aus, als ob Sie von Anfang an als Schauspieler geboren wurden. Können Sie mir darüber etwas erzählen? Wie kann so etwas passieren?
G: Gerne. Also seit meiner Geburt, oder besser gesagt, seitdem ich mich erinnern kann, war ich so... Zum Beispiel war mein Lieblingsspielzeug – damals gab es so etwas – eine Theaterbühne aus Karton mit Figuren. Du hast sie rausgeschnitten und damit auf der Bühne gespielt. Solche Geschichten aus Tausend und einer Nacht oder von den Grimm Brüdern... Ich spielte immer damit. Dabei war ich sowohl Schauspieler als auch Regisseur, denn du schneidest sie raus und lässt sie eine Szene spielen. Dann habe ich angefangen, selber solche Kartonschauspieler zu zeichnen und auszuschneiden. Ich schrieb Geschichten. Eigentlich war ich ein Kind, das sich nicht ganz ausdrücken konnte. Ein in sein Inneres zurückgezogenes, kommunikationsunfähiges Kind war ich und merkte, dass ich durch die Schauspielerei mit der Außenwelt und den Menschen eine Kommunikation aufbauen konnte... Eigentlich ist die Schauspielerei für mich ein Ort des Asyls. In der Tat, als ich dann auch in der Schule Theater zu spielen begann, sagte ich mir, „Genau! Das ist das Leben, dass ich leben will!“. Denn dort blühe ich auf. Mein Leben findet auf der Bühne statt. Das ist vielleicht etwas übertrieben, aber das wurde mir klar.

E: Also dort, wo Sie sich verwirklichen.
G: Ja.

E: Ihr Weg war vorgezeichnet und Sie entdecken dies. Das ist doch etwas Phänomenales.
G: So ist es! Es ist phänomenal, dass der Mensch in solch jungen Jahren entdeckt, was er werden soll und welche Rolle er in diesem Leben einnehmen wird und dann diesen Weg weitergeht.

E: Gab es von der Seite der Eltern Einwirkungen, von der Mutter oder vom Vater?
G: Sie waren dagegen!

E: Aha, dagegen!
G: Ja. Meine Mutter hielt sich immer zurück, aber in den späteren Jahren habe ich erfahren, dass meine Mutter mein Vater beeinflusst hatte. Als ich achtzehn Jahre alt wurde, fragte mein Vater mich, was willst du machen, das Gymnasium ist fertig, du bist jetzt ein reifer Mensch. Was willst du jetzt machen? Ich sagte, dass ich ans Theater will. Vergiss es, sagte er, ansonsten kannst du in diesem Haus nicht mehr bleiben. Du bist in einem Alter, in dem du deine eigenen Entscheidungen treffen kannst. Du kannst ausziehen, dir eine Wohnung suchen und dort Theater spielen. Aber nicht unter meinem Dach. Was ist dein Plan-B , fragte er mich. Psychologie sagte ich. Es war wirklich so und ich war glaubhaft. Wenn ich schon nicht ins Theater kann, dann eben Psychologie. Vielleicht hatte ich nicht den Mut dazu. Ich war gerade Achtzehn geworden und aus gutem Hause. Zu sagen, jetzt gehe ich weg und baue mir etwas Neues auf, dazu hatte ich keinen Mut.

E: Waren Sie ein Einzelkind?
G: Nein, ich hatte noch einen Bruder. Vier Jahre jünger.

E: Aber auf dem Gymnasium spielten Sie doch Theater?
G: Ja und gerade deshalb...

E: Schaute Ihnen Ihr Vater zu und fragte sich, was aus Ihnen werden solle?
G: Nein, es war anders. Ich hatte eine Tante. Sie war verrückt nach Theater. Wir besuchten gemeinsam Theateraufführungen... Dann spielte ich zuhause alles nach. Die Gardine benutzte ich als Vorhang... Meine Eltern waren entsetzt. Fragten sich, was wird aus diesem Jungen! Mein Vater sagte es klar und deutlich: du wirst nie wieder ins Theater gehen!

E: Welches Jahr?
G: Ja, welches Jahr war es? Wenn wir von 1938 ausgehen...

E: So die 1960er vielleicht.
G: Eher 1950 – 1952.

E: Tja, was frage ich da. Ich bin 1959 geboren.
G: Ja, das alles passierte noch vor deiner Geburt.

E: Nun, es regelte sich auch bevor ich geboren wurde. Das ist eine Ursache-Wirkungsbeziehung. Fast wie bei mir. Sie sagten ja, dass Sie auf der Bühne leben, sich dort verwirklichen... Ich wurde in Kappadokien, in einer kleinen Stadt, in Avanos geboren. Als viertes Kind einer Bauernfamilie. Und es wartete ein Leben in Armut auf mich. Das, was Sie im Theater für sich entdeckt haben, habe ich auch erlebt, als mein Grundschullehrer mich zum ersten Mal in die Volksbibliothek von Avanos mitnahm. Als ich in der dritten Klasse anfing diese Bücher zu lesen, dachte ich, dass ich im Paradies bin. Ich sagte mir, mein Alltag ist nicht die wahre Wirklichkeit, all das kann mit den Büchern vernichtet werden. Hier kann ich in einer anderen Welt leben. Hier wartete ein Paradies auf mich. In den Erzählungen von Jules Verne, Victor Hugo, Balzac, Refik Halit Karay, oder Kemal Tahir und Orhan Kemal las ich...
G: Da hat sich eine neue Welt eröffnet, nicht wahr?

E: Da sah ich die Chance in einer anderen Welt zu leben und es kam mir vor, als ob es ein Geschenk wäre. Irgendwie war das Theater auch für Sie ein Geschenk, nicht wahr?
G: Ja.

E: Deshalb haben Sie nicht aufgegeben.
G: Ja. Es ist eben wichtig, dass der Mensch weiß, was er machen will. Es ist wichtig, dass der Mensch weiß, wo er glücklich sein kann. Und das, was einen glücklich macht, kann auch etwas sein, mit dem er sein Leben bestreiten kann. Sie wissen dann, wohin Sie gehen wollen und womit Sie Ihr Leben bestreiten können. Es ist Ihr Beruf und gleichzeitig etwas was Sie glücklich macht. Dann erscheint nichts mehr als schwierig... Natürlich ist das Theater nicht einfach. Gerade in einem Land wie in unserem, das ständig zerrüttet wird und sich ändert... Es ist überhaupt nicht einfach, ein privates Theater in einem solchen Land zu führen. Ohne sich an den Staat zu binden, ohne den einfachen Weg zu gehen, also Beamter zu werden... Alles aus eigener Kraft zu stemmen, daran zu glauben und zu machen... Das kann ein Mensch nur dann erreichen, wenn er sich mit allem diesem Beruf opfert. Es gab natürlich auch sehr schwierige Zeiten...

E: Ihre Zeit als Regisseur will ich später ansprechen.
G: Ja.

E: Da habe ich natürlich viele Fragen dazu, aber ich denke, dass wir uns in einer Sache einigen können: Dass die Schauspielerei vor der Kamera im Gegensatz zur Schauspielerei im Theater...
G: Natürlich völlig anders ist.

E: Es sind andere Spuren...
G: Ja.

E: ... die sich manchmal gegenseitig verleugnen.
G: Ja.

E: ... die sich manchmal widersprechen... Was war das erste, das Sie an der Schauspielerei bemerkt haben? Was war die erste Regel, die Sie zu einem guten Schauspieler machen würde?
G: Ehrlich, aufrichtig zu sein. Ohne etwas vorzumachen... Ohne zu versuchen, mit diesem oder jenem Menschen aufzuwiegeln, sondern mit vollkommener Ehrlichkeit und sich in der Form dessen auszudrücken, was man ist...

E: Wenn ich so sein will...
G: Wenn man so sein will, bekommt man von der anderen Seite gute Antworten. Das fühlt der Mensch. Und das ist etwas aufregendes. Manche sagen dazu Energie, manche nur Glück, was es auch sein mag... Also gesehen werden, wenn man auf der Bühne ist... Es ist sehr wichtig, dass der Zuschauer seine Augen nicht von dir abwenden kann... Wie ein Magnet... Im Kino ist es etwas anderes, da ist die Kamera dazwischen, der Regisseur...

E: Genau das, was Sie sagen ähnelt sich...
G: Nicht wahr? Du musst so sein und dich so präsentieren, dass alle sagen, ja, ich habe verstanden was du sagen willst... Oder, ich habe verstanden, was ich fühlen soll und ich fühle es... Das kann Begeisterung, Wut oder Begierde sein... Auf der Bühne fühlen wir das, denn man steht den Menschen jeden Tag gegenüber. Und natürlich, auch wenn man jeden Abend das gleiche Stück aufführt, so ist es jedes Mal anders. Denn es sind immer andere Zuschauer da... Die Energie, die übergeht und von den Zuschauern wieder zurückkommt, ist immer anders... Eigentlich ist es etwas Magisches. Das kann ich z. B. im Kino nicht fühlen. Es sind immer irgendwelche Leute dazwischen. Da ist die Kamera, die nimmt dich auf, der Regisseur entscheidet etwas und wenn die Zuschauer den Film verfolgen bist du auch nicht da.

E: Natürlich...
G: Etwas völlig anderes...

E: ... also ist das Theater quasi eine Kampfarena.
G: Ja.

E: Ein Prozess, in Sie sich selbst leiten, eine Performance... Als Filmschauspieler über lassen Sie sich dem Regisseur.
G: Richtig.

E: Im Film wird es nicht zugelassen, dass Sie sich selbst leiten, das ist ja auch richtig. Erst der Regisseur weißt, wie es aus der Kameraperspektive aussieht. Und er muss Ihren Platz in dem Film genau verfolgen.
G: Natürlich, natürlich...

E: Doch will ich das auch fragen: Wie haben Sie es verstanden, beim Zusehen vielleicht? Oder hat jemand Ihnen das erklärt? Also, es zu verstehen und nicht nur so zu tun als ob?
G: Ich sah viel zu. Als Kind verfolgte ich die volkstümlichen Stegreifkomödianten. Es waren die letzten Tage von Ismail Dümbüllü... Damals war Sevki Sakrak einer der Meister... Also der letzte Überrest unseres traditionellen Theaters. Aber ich konnte von ihnen viel lernen, denn da gab es etwas Brecht’iges. Als ich später Brecht gespielt habe, stellte ich verwundert fest, dass sie dies vor etlichen Jahren herausgefunden hatten. Also, unsere traditionellen Theaterleute... Nicht ganz die Person sein... Neben der Person, die du spielst, zu stehen... Also, ich bin Schauspieler, schau was ich euch zeigen will. Diese Person will ich spielen... Also geht es im Grunde darum, z.B. zu sagen, ich werde euch jetzt Poprishchin aus Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen oder Sokrates erzählen. Ich werde sowohl Sokrates sein als auch meine Gedanken über ihn vorstellen...

E: Ohne aufzuhören Genco Erkal zu sein...
G: Ja, ja.

E: Das machen Sie...
G: Also, das was Genco Erkal über die zu darstellende Person denkt oder was der Schriftsteller, z. B. kann das Brecht sein, dort erzählen will... Das bezeichnen wir als epischen Schauspielstil bzw. dialektische Schauspielerei. In der Stanislawski-Methode, die ja in der ganzen Welt bekannt und die bei uns mehr verbreitet ist, sollst du die Person sein, die du darstellst. Je nach dem, wie sehr du diese Person sein kannst, kannst du glaubhaft und erfolgreich sein. Ich dagegen denke da etwas anders. Also, wenn ich Nâzım darstelle... Da spiele ich Nâzım, werde aber nicht zu Nâzım. Es gibt ein Unterschied zwischen der Rolle und Person, die man darstellen soll und das habe ich von den Meistern gelernt. Auch sie stellten Leute dar, z. B. Kavuklu oder Pisekar oder einen Lasen bzw. einen Kurden. Sie haben durch das Spiel die Person dargestellt. Das war das eine in meinem Leben... Das andere war, die Stanislawski-Schauspielerei in den Filmen. Als Kind war ich ein guter Kinogänger. Und für uns war das Stadttheater die größte Schule... Die letzten Tage von Darü’l-bedayi... Dann gründete Muhsin Ertuğrul die Kleine Bühne. Dort entstand ein völlig neues Theater, ein Theater, in dem Leute wie Münir Özkul, Heyecan Başaranlar brillierten... Mehr von uns, mehr glaubhaft. So hatten die Dramendarsteller von Darü’l-bedayi eine Art staatstragende Miene. Also, wenn sie gesprochen haben, zeigten sie, dass sie erhabener waren als die ihnen zuhörenden Personen. „Ja, ich sehe aus wie einer von euch, aber ich bin noch erhabener. Mit meiner Schauspielerei, mit der Art des Redens usw. bin ich wo anders. Du musst mich deshalb respektieren“. So waren sie eben. Ich finde das falsch. Ich denke, dass der Darsteller eine bessere Beziehung mit dem Zuschauer aufbauen kann und respektiert wird, je natürlicher er ist.

E: Ich will zum Begriff Glück zurückkehren. Dazu will ich etwas sagen, denn so etwas gibt es.
G: Aber selbstverständlich.

E: Es gibt so etwas. Nicht nur dann, wenn man ein Theaterstück oder einen Film, sondern auch wenn man irgendein Werk, einen Text bewertet... Ja, ohne Fehler, hervorragend, aber irgendwie fehlt dessen Seele sagt man.
G: Richtig.

E: Da fehlt etwas, obwohl alles stimmt.
G: Ja.

E: ... es gibt keine Fehler, aber etwas passt nicht. Das habe ich später in dem „duende“-Begriff von Lorca gesehen.

G. Wird wohl stimmen.

E: Das was Lorca sagen wollte, war ähnlich. Also, alles was uns passiert ist, was wir erlebt haben, unsere Wunden, wenn all das verheilt, weg ist, bleibt trotzdem etwas in unserer Seele. Er sagt dazu „duende“. Also etwas verbleibt in uns, etwas, was mit dem Leben, mit dem Tod, mit unseren Wunden zu tun hat, als ob die Wunde eine Narbenkruste bekommt, die sich sowohl bemerkbar macht als auch ein eigentümliches Vergnügen macht... Was auch immer! Das, was nicht bei allen zu finden ist, hat mit dem erlebten, dem Tod, den Wunden zu tun: Duende. Als Nihat Ziyalan über sein Freund Yilmaz Güney sprach, sagt er, dass er etwas anderes hatte, etwas magisches.
G: Genau...

E: Er sagt, wenn er vor die Kamera trat, dann passierte etwas. Alle anderen ließen ihre Arbeit liegen und schauten nur noch ihm zu.
G: Siehste...

E: Also das, was Yilmaz Güney hatte.
G: Genau das.

E: Vor einigen Tagen schaute ich mir ein Dokumentarfilm an. Über einen Gitarristen. Ein weißer Amerikaner. Er spielt Blues... Dann machen sie mit einem Schwarzen, einem der besten Jazzmusiker damals, ein Interview und fragen, schau, die weißen Jungs spielen auch... Dann sagt er, ja, sie spielen gut, aber können nicht so gut wie ich spielen. Und er sagt das aus voller Überzeugung.
G: Ja.

E: ... also nicht angeberisch...
G: Ja, ja.

E: Aber wie? Ja sagt er, sie spielen gut, aber nicht so wie ich...
G: Ja.

E: Dann versteht man, was bei ihm so ist... Ich bin der festen Überzeugung, dass auch Sie eine Duende haben. Hat das seinen Grund darin, wie Sie sagten, dass Sie keine Beziehung zur Welt aufbauen konnten? Waren Sie, alleine zuhause in einer noch nicht mal von Ihren Eltern bemerkten Traurigkeit? Drehte sich die Welt, ohne Ihnen zu antworten? Was ist passiert, dass Sie den Weg des Sichverwirklichens dort...
G: Betrübnis.

E: ... gefunden haben?
G: Wenn ich Betrübnis sage, will ich nicht meinen, dass ich ständig in Trauer bin. Betrübnis war immer irgendwo in mir. So, irgendetwas bitteres. Vielleicht drängen sie mich in eine Richtung. Wer weiß, vielleicht kann ich das nur auf der Bühne überwinden. Das Bittere in mir. Ich bemerkte es als ich das erste Mal auf der Bühne stand. Da passiert etwas! Zwischen uns passiert etwas. Und es ist gut, dass dieses etwas in einer bestimmten Entfernung passiert. Sie sollen sich nicht zu sehr mir nähern. Sollen etwas in der Ferne bleiben. Wir bleiben in der Ferne, aber doch nah. Und generell stehe ich, sogar heute, mit wenigen Menschen in Kontakt. Ich habe nur wenige Bekannte. Natürlich ist man im Theater mit vielen Leuten zusammen, aber wir sind uns trotzdem fern. Wir sind auf der Bühne, sie dahinten sind in der Dunkelheit. Ich bin im Licht. Doch gibt es etwas zwischen uns. Eine Sehnsucht, ein Verlangen, was eine Energie rüberbringt. Obwohl wir so von uns entfernt sind, sind wir doch sehr nahe. Vielleicht bin ich deshalb Schauspieler geworden. Und wenn man in Bezug auf Schauspieler mit Aura spricht, sagt man, selbst wenn er das Telefonbuch vorliest, man hört ihm gerne zu... So zu sein, ist natürlich schön... Alle Schauspieler wollen so sein. Auf die Zuschauer einen großen Einfluss zu haben... Das was wir „Teufelsfeder“ bei der Schauspielerei nennen, gibt es auch bei den Schamanen. Sie nutzen es, um Menschen zu heilen. Ich fühle auch so etwas in mir. Also als Schauspieler ist man nicht nur ein Darsteller; da gibt es den Text, die Regie, Licht und vieles andere mehr. All das Ganze im Theater. Doch versuche ich mit meiner Arbeit die Menschen glücklich zu machen, sie zu heilen, ihnen das Licht näherzubringen. Denn unser Land ist sehr dunkel. Ständig viele Probleme... Du kannst dich nicht ausdrücken, du wirst behindert. Und es ist ein Land, in dem die Menschen sehr schnell in die Hoffnungslosigkeit fallen können... Militärputschs, dies und jenes... Behinderungen, Verbote... Innerhalb von all diesen Sachen zu versuchen, ihnen Hoffnung zu machen, zu zeigen, dass man trotzdem glücklich sein kann...

E: Aber vor allem für sich selbst.
G: Ja, natürlich... Da beginnt es...

E: Da beginnt die Reise.
G: ... dann das Teilen dessen.

E: Als man Galeano gefragt hat, warum er schreibt, sagte er „Ich schreibe, weil ich hoffe, dass wir uns gemeinsam befreien werden“. Ich würde jetzt zur Literatur kommen, da habe ich einige Fragen... Die Literaten sind doch Menschen, die anderen Menschen, die sie nicht kennen, Briefe schreiben... Sie werfen das, was sie geschrieben haben auf den Planeten und schauen, welche Antworten sie bekommen werden...
G: Ja.

E: Wen sie erreichen werden und in welcher Intensität, können sie nur schwer herausfinden. Aber ein Theaterschauspieler kann auf der Bühne mit dem Zuschauer sofort eine Beziehung...
G: ... aufbauen.

E: Sie bekommen sofort eine Reaktion. Aberwenn man etwas geschrieben hat, kann man nicht sofort erfahren, wer das ganze wie
G: ... verstanden hat.

E: Ja, das kann man nicht wissen. Ich wurde 1959 geboren. Sie standen schon in den 1960er Jahren auf der Bühne. Sie haben ein ständiges Scheinen. Immer, nie ausgehend... Sie waren immer der Beste. Und jedes Mal haben Sie es geschafft oben zu bleiben. Man kann durchaus nachvollziehen, wie schwer es für Sie war, wenn man Ihre Lebensgeschichte liest. Wie viele schlaflosen Nächte Sie durchgemacht haben, was Sie alles gelesen haben, mit was Sie sich beschäftigt haben, wie schwer das war und wie Sie all das, sei es auch bewusst und gewollt, unter Druck durchlebt haben. Es ist klar, dass es seelisch wie physisch eine schwierige Reise war. Dennoch haben Sie eine unglaubliche Performance hingelegt. Nun... In den 1960ern war ich ein Kind und habe auf dem Land die Schule besucht... Sie hingegen absolvierten das Galatasaray-Gymnasium, Robert Kolleg und den Fachbereich Psychologie der Istanbuler Universität. Gleichzeit lief das Theater...
G: Richtig, ich machte gleichzeitig Theater...

E: ... So ist es, Theater steht aber immer an erster Stelle... In den achtziger Jahren, während der Militärdiktatur habe ich Medizin studiert und absolvierte meinen Pflichtdienst... Als ich meine eigene Geschichte begann zu erzählen, bemerkte ich, dass ich quasi die nahe Vergangenheit, die politische Geschichte unseres Landes erzähle. Ich fühlte immer, dass sich das irgendwie von alleine in den Vordergrund sich gedrückt hat. Das hatte ich bemerkt, als ich das 1000. Buch des Ayrinti Verlages, „Die Spur der Zeit“ schrieb. Und ich war auch etwas überrascht! Und hatte auch das verstanden: Ja, es ist das Gedächtnis eines Sandkorns, das aber so stark ist, dass es das Gedächtnis des Universums tragen kann... Nicht zu wissen, nichts zu bemerken bedeutet nicht, dass das alles nicht stattfindet. Daher, ich denke, dass Ihre persönliche Geschichte, wenn ich von den 1960er zurückschaue, wie die Geschichte des Theaters der Türkei ist...
G: Richtig.

E: Ähnliches sagte ich mir auch, als ich das Buch von Ömer Lütfi Akad „Zwischen dem Licht und Dunkelheit“ gelesen habe. Das Leben von Lütfi Bey, sein 1940 begonnenes Abenteuer als Regisseur, ist im Grunde die Geschichte des Kinos der Türkei...
G: Ja.

E: ... wie dessen Gedächtnis. Das ist sehr kostbar... Es ist sehr kostbar, dass Sie so etwas tragen und Ihr Name damit in Verbindung gebracht wird. Doch, will ich etwas aus meiner eigenen Geschichte mit Ihnen teilen: Meine ganze Reise, all das, was ich erlebt habe, hat irgendwie seinen Grund in der Literatur. Daran glaube ich. Am Anfang ließ mich...
G: Die Wahrheit...

E: ... die Literatur selbst verwirklichen. Es waren die Bücher...
G: Es begann mit der Bibliothek.

E: Eine Reise, die in der Bibliothek begann... Und wenn ich heute noch schreiben, spielen und Drehbücher erschaffen kann oder Filme drehen kann, dann hängt alles mit den Büchern zusammen. Was meinen Sie? Wo ist die Literatur in Ihrem Leben?
G: Richtig, das teile ich auch. Auch ich lese seit meiner Kindheit sehr viel. Wenn man in sich zurückgezogen ist, dann geben einem die Bücher viel Kraft. Dort findet man Asyl!

E: Inspiration...
G: Ja. Sie geben Kraft, Inspiration. Sie bereichern einen Menschen. Geben das Gefühl für mehr zu forschen, mehr zu lernen. Und ich habe zu allen Themen etwas gelesen. Und insbesondere über das Theater... Und wie Sie gesagt haben, ich hatte Glück. Zuerst auf Galatasaray, dann im Robert Kolleg habe ich sowohl Französisch als auch Englisch gelernt und konnte damals in der Türkei wenig bekannte Berufsbücher lesen. Besonders viel zu Theater... Zwar auch einiges zum Kino, aber das Thema Theater war wichtiger. Denn das war mein Weg. So oft es ging, war ich im Theater. Ich reiste ins Ausland, habe dort die Schauspieler verfolgt. Ich abonnierte ausländische Theaterzeitschriften... Fragte nach, was das italienische Theater, was die Engländer machen, wie es im amerikanischen Theater läuft. All das habe ich gelesen. Das Lesen war fundamental für mich.

E: Ja, hier sollten wir vielleicht über einen Namen, über Haldun Taner ein paar Worte verlieren.
G: Ja.

E: Ich kenne seine Theaterstücke. Er war ein sehr guter Theatermacher.
G: Seine Geschichten...

E: Als ich seine Geschichten gelesen habe, dachte ich mir, dass er einer von den besten Autoren der Türkei ist. So z. B. Sait Faik... Und gleich hinter ihm, vielleicht neben ihm Haldun Taner... Ich kenne wenige Autoren, die das Türkische so gut nutzen können.
G: Ja.

E: Es ist eine...
G: Phänomenale...

E: ... Perfektion. Hier kann ich auch sehen, das sind Leute, die sich ständig gegenseitig bereichern. Es sind...
G: Richtig.

E: ... Aktionen, die ineinander greifen. Sei es in der Literatur, Theater oder Kino... Die Literatur ist immer wieder ein Bereich, der kräftigend wirkt.
G: Natürlich. Nehmen wir mal Improvisation raus, das richtige Theater, also das Theater, das wir seit den antiken Griechen kennen, basiert auf Texten. Literatur liegt in dessen Wurzeln. Shakespeare, Kalderon... Cervantes... An wen Sie auch denken mögen!

E: Starke Texte.
G: Natürlich.

E: Ja.
G: Aristophanes, Sophokles, dann Euripides... Das sind Texte, die heute noch leben... Denke daran, wie lange das her ist. Texte, die vor zweitausendfünfhundert Jahren geschrieben wurden... So z. B. Shakespeare... Seit 450 Jahren, aktuell, als ob es heute geschrieben wurde.

E: Ja.
G: Ohne diese noch aktuellen Texte könnte Theater nicht sein.

E: Ja.
G: Die Wurzeln des Theaters liegen in der Literatur. Auch des Kinos...

E: Drehbücher...
G: ... Drehbuch. Es gibt so etwas, aber nicht nur. Vielleicht muss das Drehbuch nicht alleine als etwas literarisches erscheinen. Im Theater schreibt nur einer und unterschriebt. Daraus wird eine Aufführung des Shakespeare. Im Kino, beim Drehbuch gibt es eine kollektive Arbeit. Mehrere Regisseure können sich beteiligen, ab einem Punkt beteiligt sich ein anderer Autor zum Projekt usw. So z. B. können Sie im italienischen Film sechs Namen im Drehbuch sehen. Denn der Regisseur arbeitet mal mit dem einen, mal mit anderen Autoren. Alle haben etwas beigetragen. Ich denke, dass Filmdrehbücher eher eine kollektive Arbeit sind.

E: Da gibt es eine Metapher über die Beziehung des Regisseurs bzw. des Films mit dem Drehbuch,das zitiere ich immer wieder gerne. Es ist die Metapher über die Seidenraupe... Sie ernährt sich vom Maulbeerblatt und wächst. Dann bekommt sie Haare und macht ihre...
G: Puppe...

E: ... Gleichzeitig scheidet sie etwas Seidiges aus. Wenn sie größer wäre, könnte sie ihren Kokon durchbrechen und wegfliegen. Aber wir erlauben ihr das nicht und kochen sie im Wasser. Dann nehmen wir ihre Ausscheidung und machen daraus die Seide. Ich sage dann: Wenn wir ihr erlauben wegzufliegen, dann wird es eine hervorragende Novelle, aber wenn wir die Raupe töten, dann haben wir ein Drehbuch. Deshalb ähneln gute Drehbücher Insekten, die für einen guten Film gestorben sind.
G: Richtig.

E: Der Regisseur oder Drehbuchautor muss verhindern, dass daraus ein literarisches Werk wird.
G: Natürlich.

E: Das Drehbuch ist für uns ein Lotse, ein starker Lotse.
G: Natürlich.

E: Ein wichtiger Lotse. Ohne ein gutes Drehbuch haben wir keine Chance, einen guten Film zu drehen.
G: Dann gibt es noch etwas: Die Verfilmung von literarischen Werken...

E: Das ist dann wie eine unglückliche Ehe... Es beginnt mit einer großen Liebe, endet dann in Frustration... Ich vergleiche es immer mit Ehen, die geschieden werden. Es ist eine schwierige Sache...
G: Sehr schwer.

E: Sehr...
G: Denn es wird etwas anderes...

E: ... gute Beispiele gibt es nicht.
G: Es ist aber kein Roman. Es ist ein Film, der vom Roman inspiriert ist.

E: Ich bin eh dafür, dass man das Gefühl daraus nimmt, um dann das Drehbuch neu zu schreiben.
G: Ja, so wird es.

E: Anders ist es nicht möglich.
G: Das ist dann erfolgreich.

E: Eins zu eins, geht nicht...
G: Ja.

E: Denn da gibt es so etwas auch: In der Literatur hat der Leser die Möglichkeit zu träumen. Nehmen wir z.B. Madame Bovary...
G: Völlig anders...

E: ... ihren Mann Doktor Bovary oder andere Helden stellen wir uns anders vor.
G: Ja.

E: Wenn Sie eine Geschichte, z. B. von Kemal Tahir lesen, stellen Sie sich den Helden anders vor als ich. Aber wenn daraus ein Film wird, wird derjenige der Held, den der Regisseur wählt bzw. den die Kamera zeigt.
G: Ja.

E: Kinozuschauer haben keine Möglichkeit sich den Helden anders vorzustellen, denn gezeigt wird die Welt des Regisseurs.
G: Natürlich.

E: ... dessen Traum... Aber in dem Buch, was ich lese oder was alle lesen, stellen wir uns alle den Helden anders vor. In diesem Sinne ist das Kino eine Kunst, die uns hypnotisiert, die die Richtung zeigt. Sie können nur ein Vergleich zwischen der Welt des Regisseurs und Ihren eigenen Vorstellungen machen. Das Buch ist reicher, breiter, es ist eine umfassendere Welt.

Wenn wir schon vom Kino reden... Sie haben in wichtigen Filmen gespielt... Keiner davon ist unwichtig.
G: Ja, ich hatte Glück. Denn im Theater sind alle Fäden in meiner Hand. Da ich auch der Inhaber eines Theaters bin, also des Dostlar Theaters, entscheide ich, welches Stück wann und wie gezeigt wird. Ich habe Übersetzungen gefertigt und alles, was ich zu machen habe selbst entschieden. Aber im Kino ist es etwas anderes. Da gibt es einen Regisseur, er hat ein Projekt. Er wählt dich dann und sagt, du sollst darstellen. Dann gehst du hin, zitternd, nimmst das Drehbuch... Dann gibt es während des Drehs...

E: Änderungen im Drehbuch.
G: Richtig.

E: Es gibt andere Schauspieler. Auch das wurde von irgendjemanden geschrieben.
G: Ja.

E: Dann gibt es den Kameramann. Das Team wartet auf Sie.
G: Ja, ja. Vor allem gibt es einen Produzenten. Wenn der Produzent das Geld nicht gibt, dann gibt es keinen Film. Produzent, Drehbuchautor, Regisseur... Sie wählen dich, dann gehst du dahin, um den Traum eines anderen Künstlers zu verwirklichen. Wenn ich sage, dass ich Glück hatte, meine ich, dass diese Menschen mich gewählt haben. Ich hatte Glück, weil ich mit wichtigen Namen des türkischen Kinos zusammengearbeitet habe. Aber auf der anderen Seite muss man sagen, dass es nicht viele solcher Filme gibt. In meinem 60-jährigen Berufsleben zu wenig. Nicht mehr als zehn Filme. Natürlich habe ich viele Angebote bekommen, aber ich war wählerisch. Sowohl...

E: Drehbuch...
G: Ja und...

E: Der Regisseur.
G: ... Genau... Der Regisseur. Wenn das Projekt mir nicht zusagt, dann ist es schwer...

 

E: Sie hatten sowohl in analogen 35mm als auch in Digitalfilmen, nicht wahr?
G: Digitale... Die letzten.

E: Cagan.
G: Cagan.

E: Cagan Irmaks Film ist wohl digital.
G: Glaube.

E: Oder Pazar.
G: Pazar ist auch digital.

E: Aber mit Erden Bey (Erden Kıral) haben Sie auf analogen Filmen gearbeitet.
G: Ja.

E: Natürlich, das ist schwer.
G: Sehr.

E: ... sicher. Wie haben Sie das bemerkt, Mensch das ist ja Theater? Als Schauspieler meine ich...
G: Das wusste ich früher. Und deshalb hatte ich Höllenangst davor. Ich hatte das Gefühl, dass ich das nicht machen kann. Ich hatte es ja gesagt, meinen ersten Film habe ich 1982 gedreht... Vorher, 1965 kam man zu mir und schlug vor, „Aufzeichnungen eines Irren“ zu drehen. Ich bekam Angst... Mut dazu hatte ich nicht. Wie soll ich vor diese Kamera? Was soll ich machen? Ich hatte riesen Angst vor der Welt, die ich nicht kannte. Dann sagte ich mir, das wird sehr kommerziell. Das war das sogenannte Yeşilçam-Mainstream-Kino. Sie werden es sicher so ändern, so dass ihre Zuschauer es mögen, sie werden es verwässern. Es wird nichts von Gogol, nichts von dem Werk bleiben... Denn die hatten was anderes im Sinn... Sie wollten mit einem bekannten Werk Geld machen. Ich sagte mir, dass ich so was nicht machen kann. Viel später kam Ali Özgentürk. Er hat insistiert. Das machen wir zusammen sagte er. Ich weigerte mich, aber dann habe ich gesagt, nun gut, ein Versuch ist es wert.

E: Können Sie sich an den ersten Take (die erste Szene)in „At“ erinnern?
G: Natürlich erinnere ich mich.

E: Was haben Sie gedreht?
G: Ich stand vor einem Antragschreiber, als Jemand der seinen Sohn in eine kostenlose Schule schicken will.

E: Wie oft haben Sie gedreht.
G: 2 oder 3 Mal. Damals war es nicht so einfach zu drehen.

E: Probe...
G: ... konnten wir nicht. Denn es war sehr teuer. Auch Ali war dabei seinen ersten Film zu drehen. Sein Partner war Kenan Ormanlar. Und Geld gab es nicht viel. Bei der Hälfte mussten wir pausieren. Der Geldfluss stockte. Irgendwann begannen wir wieder. Es ist natürlich nicht einfach einen Film zu drehen... Daher kann man nicht sagen, wir wollen nochmal vom neuen usw.

E: Ja.
G: Das geht nicht. Aber ich fühlte, dass es sehr interessant ist, als die erste Szene gedreht wurde... Ich weiß nicht, ob alle Regisseure so sind. Danach habe ich so etwas nicht mehr erlebt. Schon zu Beginn sagte er mir schroff: „Das ist nicht dein Film, sondern meiner“. Also, das wird so und so sein. Dabei hatte ich mir überlegt, wie ich die jeweiligen Szenen drehen wollte.

E: Ja.
G: Also ich hatte mich vorbereitet. Aber er...

E: Ja.
G: ... nicht weil das, was ich mache ihm nicht gefallen hätte, aber er sagte mir schon in der ersten Minute, Genco, hier habe ich die Fäden in der Hand. Das ist nicht das Theater! Du kannst deine Aufführungen im Theater so machen wie du willst. Aber hier gilt mein Wort. Das sollten wir geklärt haben. Und ich verstand die Situation...

E: Eigentlich zeigt sich hier auch der Grundcharakter des Schauspielers.
G: Ja.

E: Auf der Theaterbühne ist der Darsteller sein eigener Regisseur, aber im Film ist es der Mann, der hinter der Kamera steht.
G: Ja.

E: Und Sie sind verpflichtet, sich ihm...
G: Ja, ja.

E: völlig auszuliefern. Von Anfang an...
G: Anders geht es nicht.

E: ... Sie müssen vertrauen... Vielleicht ist mit der Digitalkamera eine neue Chance entstanden. Ihm mehrere Alternativen...
G: ... zu geben.

E: Natürlich nur dann, wenn Sie das wollen oder dazu fähig sind.
G: Da gibt es noch etwas anderes: Natürlich habe ich mit anderen Regisseuren gearbeitet. Auch ich fühle das in mir. Jeder Regisseur hat ein andere Arbeitsform.

E: Jeder Regisseur leitet den Schauspieler anders.
G: Genau. Das möchte ich sagen.

E: Ja.
G: Auch im Theater haben wir als Regisseure unseren eigenen Stil. Und ich habe festgestellt, dass jeder Darsteller im Theater anders geführt werden muss. Also, wenn du mit dem Darsteller eine richtige Beziehung aufbauen willst, dann muss diese Beziehung mit jedem Darsteller anders sein. Denn manche mögen es, wenn es hart wird, mache müssen sich streiten, und andere wiederum mögen es softer. Auch ich habe, als ich mit anderen Regisseuren gearbeitet habe, gesehen, dass das so ist. Manche geben dir Freiheiten. „Mach was du willst“, sagen sie. Das ist eine schönere Beziehung. Aber manchmal ist es eben härter.

E: Ja.
G: Aber das sind natürlich Spezifikationen der Arbeit .

E: Mein erster Film vor der Kamera war „Drei Affen“. Aber ich war auch einer der Drehbuchautoren.
G: Ja.

E: Eigentlich hatte ich nicht vor, Schauspieler zu werden. Als das Drehbuch von Drei Affen fertig war, wurde der Regisseur auf mich aufmerksam und man schlug mir vor, vor die Kamera zu treten. Da war ich 47 Jahre alt.
G: Ja.

E: Neunzehnhundert... Nein, Sorry, 2008-2009...
G: Ja.

E: Wo waren Sie zu dieser Zeit?
G: 2009 war ich in Istanbul im Theater.

E: Natürlich, Theater.
G: Seit ca. 50 Jahren.

E: 50 Jahre...
G: ... im Theater.

E: Aber diese Situation vor der Kamera.... Also, wie soll es gehen... Da werde ich etwas machen und es wird aufgenommen.... Aber Gott sei Dank, digitale Aufnahmen sind etwas...
G: Ja.

E: Ich habe sehr schnell folgendes festgestellt: Wenn ich etwas vortäusche, dann werde ich mich blamieren. Das Beste ist, wenn ich nichts mache...
G: Ja.

E: Sehr früh merkte ich, dass ich nichts nachmachen sollte. Deshalb musste ich dem Mann hinter der Kamera vertrauen mich ihm ausliefern... Dann habe ich gemerkt, dass ich mich in dem Bereich, der vom Drehbuch, welches ich ja mitgeschirieben hatte, beschrieben wird, bewegen kann. Und wenn ich das künstlerische Temperament der Rolle mit meinem eigenen Temperament verbinden kann und das auch zeigen kann, würde ich die Kamera vergessen.
G: Ja, ja.

E: ... dann könnte es klappen. Das war eine Reise, die ich intuitiv begonnen habe. Aber die Angst war immer da...Was soll ich jetzt machen? Nichts... Und nach so vielen Jahren habe ich immer noch das Gefühl, als ob ich mit der Schauspielerei neu begonnen habe. Bei jedem neuen Szenendreh...
G: Auch bin ich sehr selbstkritisch. Also... Im Theater gibt es besseres als das, was ich mache. Ab sofort werde ich es besser machen. Immer wieder habe ich mir das gesagt... Es ist ein Gefühl mit sich selbst im Reinen zu sein. Denn da ist ein Abenteuer, das länger dauert... Im Film macht es mich etwas schüchtern, dass das alles aufgenommen wird. Denn, wenn ich mir meine alten Filme anschaue, dann sage ich „O Gott, heute würde ich es anders machen“. „Was habe ich damals gemacht?“ sage ich mir. Ich sehe das sehr selbstkritisch. Niederschmetternd sogar.

E: Im Theater können Sie es ja am nächsten Tag ändern.
G: Natürlich... Im Theater kannst du sagen:„Heute hat es nicht geklappt, morgen mache ich es besser. Ich versuche mal etwas anderes.“ Diese Chance hast du. Zum Beispiel führst du ein Stück fünfhundert Mal auf. Ich glaube, dass ich die „Aufzeichnungen eines Irren“ in den 54 Jahren 850 Mal gespielt habe. Und „Über das Leben“ 380 Mal... Jeden Abend ist eine Chance des Neuerschaffens da. Ich glaube, dass ich dem Theater deshalb so zugeneigt bin... Es ist ein lebendiges, jede Minute erneuerbares, sich ständig entwickelndes Spiel... Der Film geht so, wie er ist, in die Geschichte ein

E: Aber wenn Sie ein gutes Drehbuch und einen guten Regisseur haben...
G: Aber natürlich...

E: Wenn Sie so einen treffen...
G: Natürlich... Wie soll ich sagen... Ich habe Preise gewonnen, wurde gelobt, aber irgendwann ist es wichtig, dass der Mensch seine eigenen Fehler erkennt. Im Theater siehst du das nicht, denn du bist auf der Bühne. Aber im Kino, siehst du alles, wenn du dir den Film nochmal anschaust. Dann sagst du, ach, das hätte ich besser machen können. Warum dachte ich nicht daran? Oder, warum hat mich der Regisseur nicht darauf hingewiesen. Dann ist man glaube ich, viel selbstkritischer.

E: Tarkowsky hat bezüglich der Verantwortung des Künstlers oder seinem Platz in der Welt folgende Auffassung: Die Talente eines Künstlers dürfen ihm keine Vorteile geben. Das ist kein Privileg, sondern eine Verantwortung. Eine Aufgabe. Das muss er machen. Ausgehend davon darf er für sich keine Macht beanspruchen. Das wäre schamlos. Das teile ich. Was sagen Sie dazu? Über Ihr Talent verfügt niemand... Sie haben die Macht, andere Leute zu beeinflussen und wenn Sie wollen, können Sie das zu einer Waffe machen. Zu einem Instrument der Macht. Also, mehr als Arroganz... Ich bin anders als ihr, denn ich habe Talente und bin damit ausgestattet... In einigen Reden hatte ich darauf hingewiesen: Wenn Sie eine gute Stimme haben, dann müssen Sie singen. Es ist kein Privileg, dass Sie eine gute Stimme haben, es ist Ihre Aufgabe. Eine Last. Sie müssen diese Last tragen. Was meinen Sie?
G: Ja, auch ich sehe es als eine Aufgabe. Empfinde es sogar als eine Mission. An die Metaphysik glaube ich nicht, ich bin ein Materialist, aber mein Talent ist eine Aufgabe. Also, habe ich eine Rolle in dieser Welt. Das ist eine Mission. Das muss ich machen. Gegen alle Widrigkeiten und Behinderungen muss ich mich bemühen, besser, erfolgreicher, nützlicher zu werden... Denn ich habe nach einiger Zeit, vielleicht zehn Jahre, nachdem ich angefangen habe... Nein, Moment, nicht zehn, sondern fünf Jahre danach das politische Theater entdeckt. Also dachte ich, dass mein Beruf ein Beruf ist, der eine politische Aufgabe, eine Mission hat. Die Menschen aufzuklären, denn damals dachte ich mit der Kunst die Welt verändern zu können. Wir dachten, dass wir das Regime des Landes ändern können. Jetzt denke ich, das ist naiv. Mit einer zwei stündigen Aufführung... Nun... Dabei leben wir in einem Land, in dem Statistiken zufolge rund 83 Prozent der Menschen noch nie in ihrem Leben im Theater waren. Nur 17 Prozent und ein Großteil davon in den staatlichen Theatern. Die Zahl derjenigen, die dich gesehen haben, ist sehr gering. Da ich auch nicht im Fernsehen war, kann ich das sagen. Was denkst du, wer du überhaupt bist? Was kannst du überhaupt machen, um dieses Land mit 80 Millionen Einwohnern zu verändern? Aber wir dachten, dass wir mit dem Theater die Revolution auslösen können. Doch, so waren eben die damaligen Zeiten. 1968. Die 1960er Jahre... In Frankreich, in ganz Europa und in den USA gab es große Bewegungen... Es waren Zeiten des Aufstandes... Du bist dabei. Und glaubst, dass du die Welt verändern kannst. Auf der Bühne... Jeden Abend, mit anderthalb oder zwei Stunden Aufführung! Aber daran glaubten wir in der Tat. Dann sahen wir, ooh Bruder... Gleich hinter dir ist der Militärputsch... wie ein Schlag auf den Kopf und schon liegst du am Boden, nach dem Motto, wohin des Weges, was glaubst, was Du machst?

E: Aber auch das passiert glaube ich: Wer war es? Wahrscheinlich bei Kieslowski. Die Filme und Bücher können die Welt nicht verändern, ja. Aber diejenigen, die diese Bücher lesen, diese Filme sehen, können sich verändern. Und sie bekommen den Mut, um die Welt zu verändern.
G: Ja.

E: Vielleicht ist das, worauf wir zu hoffen haben. Können wir mit dem, was wir machen, unseren Gesprächspartnern den Mut geben, die Welt zu verändern?
G: Ja.

E: Denn es ist ansteckend. Es ist das, was wir uns wünschen. Ich denke, dass die Literatur mich von dieser Welt, von dieser seltsamen, eigentlich absurden und verdammten Welt für eine kurze Zeit herausholt, mich kuriert und wieder zurückschickt. Das ist der Einfluss der Bücher und Filme auf mich.
G: Richtig.

E: Ich bin in diesem Sinne Buch- und Filmliebhaber. Und Zuschauer. Nicht nur jemand, der vor oder hinter der Kamera steht. Ich fühle mich, nach dem ich Filme gesehen habe, besser und mutig. Hoffnungsvoll für die Welt.
G: Ja.

E: Vielleicht ist unsere „Aufgabe (Rolle)“ nichts anderes als dies zu hoffen, denke ich. Daher glaube ich, dass Ihre 1968er Seele noch in Ihnen weiterlebt.
G: Ja, ja, sie lebt weiter.

E: Deshalb sind Sie hier und die Zuschauer sind, wenn sie vor die Türe treten, nun andere Menschen. Ich glaube nicht, dass sie so bleiben nachdem sie zu Ihnen kamen.
G: Im Endeffekt bemerkte ich, dass ich in diese Situation, die du beschrieben hast, gekommen bin. Nach all den Jahren merkst du, dass du zwar die Welt nicht verändern, aber doch dafür Sorge tragen kannst, du die Mensch beeinflussen kannst. Das, was sie im Kopf haben, hat sich transformiert. Du kannst den Menschen Hoffnung, Moral geben. Du zeigst ihnen, dass sie nicht alleine sind. Wenn wir in diesem Saal zusammen sind, gemeinsam applaudieren, über das Gesagte lachen oder wütend sind, dann sind wir nicht alleine. Das, was von der Bühne kommt, ist gut für mich. Draußen sage ich dann, ich bin kräftiger, hoffnungsvoller. Damit müssen wir uns glaube ich, zufrieden geben... Und das ist auch nicht wenig.

E. Meiner Meinung nach hat es genügend Kraft.
G: Ja. Ich denke auch so.

E: Ich gehöre zu denen, die meinen, dass sich der Mut, sich die Welt anzueignen, zu einem Charakter umwandeln kann. Vielleicht ist ja das politische Theater, weil es dazu nutzt...
G: Ja.

E: ... und so als politisch definiert werden kann. Denke ich...
G: Also, die Veränderbarkeit der Welt aufzeigen... Die Hoffnung zu geben. Und bis heute waren es Menschen, die die Welt in diese Situation gebracht haben, nicht wahr? Eine bessere Welt können wiederum auch Menschen aufbauen. Das wird nicht sofort passieren. Aber wir alle haben mit unserer Arbeit, mit unserer Existenz, in diesem Wandel, irgendwo eine Aufgabe, eine Mission. So denke ich. Ich sage mir, das ist meine Arbeit und dort habe ich tätig zu werden, ohne Zugeständnisse, gerade, verantwortlich, aufrichtig und ohne diese Aufrichtigkeit zu verlieren... Denn unser Beruf neigt dazu vorzugaukeln. Denn wir spielen Rollen... Also weiß ich, dass ich mich so zeigen kann, wie ich eigentlich nicht bin. Das ist mein Beruf. Aber das geht. Mach das auf der Bühne, nicht in deinem Leben.

E: Auf der Bühne merkt man, wenn einer nicht aufrichtig ist.
G: Natürlich.

E: Und darin liegt meiner Meinung nach der Unterschied von guten Schauspielern...
G: Ja, ja, ja.

E: Ich habe das mal in einigen Reden so formuliert: Im Volksmund heißt es, wenn Leute sich anders darstellen als sie es sind, denen sagt man, sei kein Artist. Mache mir nichts vor, ich kenne dich...
G: Man sagt auch, spiel keine Rolle.

E: Genau, Rolle spielen... Das ist es, was einen guten von einem schlechten Schauspieler unterscheidet... Entweder bist du ein Artist oder du bist ein guter Schauspieler.
G: Ja, richtig.

E: Dann sagt man Leuten, die hochtrabend, schnörkelig reden oder komische Vergleiche ziehen, hör auf Literatur zu machen.
G: Auch das ist richtig.

E: Und das wiederum ist auch eine Beschreibung zwischen guten, aufrichtigen Autoren und Jenen, die „Literatur“ machen. Das, was wir ganz am Anfang als Aufrichtigkeit beschrieben haben, passt genau hierhin.
G: Richtig.

E:Wir kommen zwar nun zum Schluss unseres Gesprächs, aber ich will noch etwas sagen. Ich rede immer davon, was Ihre eigene Geschichte ist. Auch Duende ist damit verbunden. Auch die Traurigkeit Ihrer Kindheit... Das, was Ihnen auf der Bühne guttut... Danach... Dass Sie das Schauspielen immer noch mit einer Beharrlichkeit, mit einem großen Begehren und Kraft fortführen, das ist sicher der eigentliche Grund. Daran glaube ich. Dieses Leiden, dieses verwunden sein...
G: Tja...

E: ... führt dazu, dass Ihre Stimme noch lauter, noch kräftiger wird. Denke ich. Kemal Tahir wurde mit einer absurden und völlig ungerechten Behauptung in jungen Jahren ins Gefängnis gebracht und blieb dort 13 volle Jahre. Im Allgemeinen im Gefängnis von Corum... In einem Brief an seine Frau, Fatma Irfan schreibt er,weil sie so traurig ist und die Verantwortlichen tadelt,„Sei nicht traurig. Betraue jene, die keine Geschichte haben. Das größte Unglück in dieser Welt ist es keine Geschichte zu haben...“
G: Richtig.

E: Das ist etwas, was mir richtig gefällt. Irgendwie scheint es mir als etwas sehr Kräftiges, so etwas wie Glück. Die Tatsache, dass der Mensch mit seinen Wunden lebt. Denn all das, was wir erleben, was dieses Land erlebt und meistens die Sachen, die uns traurig machen, werden zu Sachen, Gedichten, Liedern, Filmen und Theater, die wir unseren Kindern überlassen. Wir schreiben diese Geschichten. Wir erzählen das, was wir erlebt haben. Versuchen, daraus Mut zu schöpfen. Daher denke ich, nicht wegen eines Pessimismus das, was uns betroffen macht, das, was dieses Land erlebt hat, ist so etwas...
G: Richtig.

E: Wir haben Geschichten.
G: Ja.

E: Wir haben eine Vergangenheit, ein Gedächtnis, das uns erlaubt, damit fertig zu werden.
G: Sie bereichern den Menschen.

E: Ja.
G: Diese Wunden...

E: Ja. Die Japaner haben in der Keramikkunst einen Begriff. Raku... oder Rakun. Ich will nichts Falsches sagen, vielleicht können wir es später korrigieren. Also Rakun. Vielleicht wissen Sie, wenn die Keramik im Schatten trocknet... Was es auch immer ist... Ich bin ja auch einer aus Kappadokien...
G: Ja.

E: Eben daher...
G: Deshalb Töpferware...

E: Von den Verwandten gibt es bestimmt irgendwelche Leute, die Töpfern... Also, nach dem die Keramik im Schatten getrocknet wurde, wird sie in den Ofen geschoben. Es gibt einen bestimmten Grad. Aber manchmal passiert es, dass sich die Töpferware im Ofen aufgrund der hohen Wärme verformt.
G: Manchmal bersten sie.

E: Manchmal bersten sie. Bei hoher Temperatur... Dann wird dieser Ofen auseinandergenommen. Denn, die Ware muss auf dem Markt verkauft werden. Aber nicht die, die sich verformt hat. Diese wird zuhause benutzt. Doch haben sie eine Besonderheit: Sie sind sehr widerstandsfähig.
G: Ach, ist es so?

E: Sie gehen nicht schnell kaputt. Und halten das Wasser lange kühl.
G: Mein Gott, siehst du, das hatte ich bisher nicht gehört.

E: Ja. Daher sagen die Keramikmeister „tadellose (Weitöpfe) zum Markt, verbeulte (Himmelstöpfe) nach Hause“. Das war bei uns lange Jahre so...
G: Also der Ausschuss...

E: Wir hatten verbogene, große Töpfe zuhause. Sie hielten das Wasser lange kalt und gingen nicht sofort kaputt. Daher vergleiche ich die Literaten, unsere Meister des Theaters, des Films, also Leute wie Sie mit den Töpfen, die in die heißesten Ecken des Ofens gelegt wurden. Sie mussten viel Wärme aushalten, können aber das Wasser lange kühl halten. Sie zerbrechen nicht. Man kann Sie schieben und runterfallen lassen, aber Sie zerbrechen nicht. Sie haben ein gutes Gedächtnis. Und das bleibt dort. Als ob es versteckt wäre... Ich will nicht nachtrauern. Oder hier etwas arrogantes herausforden. Das bekommt Ihnen gut... Und Ihnen passt es auch. Das ist etwas sehr Kostbares.
G: Aber demütig zu sein ist auch wichtig. Egal, was du tust, du musst wissen, es ist in diesem großen Universum ein Nichts. Das ist wichtig. Dein Platz ist so klein. Denke nicht, dass du etwas Großes wärst... Na und, du machst das, was auch andere machen. Für dich ist es ein Beruf... Versuche diesen gut auszufüllen und habe Respekt. Die Sache mit der Wunde ist auch wichtig. Ich denke, dass Jemand, der keine Wunden hat, kein Künstler sein kann. Irgendwo im Innern, im tiefen Inneren ist es eine Wunde, die ihm diesen Impuls gibt. Sein ganzes Leben lang versucht er sich selbst zu behandeln.

E: Es gab mal einen großen Sazmeister. Er konnte die besten Langhalslauten bauen. Ein alter Mann, ein Meister... alle standen Schlange, um von ihm bedient zu werden. Ein junger Musiker war bei ihm. Er kam dran und der alte Meister sagt ihm, dass sein Instrument fertig ist. Ein wundervolles Instrument denkt er sich. Aber als der Meister ihm die Langhalslaute übergeben will, lässt er ihn fallen und das Instrument zerbricht. Der junge Musiker denkt, ach mein Gott, so lange habe ich gewartet und er hat daran Monate, jahrelang gearbeitet... Der Meister nimmt die Laute und kann sie reparieren. Dann übergibt er das Instrument dem jungen Musiker und sagt, spiel. Das Instrument soll wundervolle Klänge von sich gegeben haben. Denn es war nicht das Meisterwerk des alten Mannes, sondern die Wunde des Instruments, die für diese wundervollen Klänge sorgte. Das war sein Geheimnis. Er baute es zuerst zusammen, dann ließ er es fallen und reparierte es wieder.
G: Jedes Mal so.

E: Repariert und gab es aus der Hand.
G: So, so.

E: Ja, dieses verwundene Instrument konnten solche Klänge geben. In unserer Biographie braucht man nicht lange solche verwundenen Instrumente zu suchen.
G: Jeder ist verwundet.

E: Überall findet man einen... Sie sind wundervoll, vielen Dank.
G: Ich habe zu danken.

E: Das war kein Interview, sondern ein Gespräch.
G: Ein schönes Gespräch.

E: Es war schön, Ihnen zuzuhören. Etwas über Ihre Biographie zu schreiben ist etwas, was jeder kann.
G: Ja, Biographen gibt es.

E: Alles, was Sie gemacht haben, ist schon zu finden. Eigentlich habe ich versucht, im Vergleich zu meinem Abenteuer als Arzt, Schauspieler und Literat mit meinen Fragen etwas von Ihnen zu lernen. Als ich sah, dass es eine ähnliche Reise war, war ich etwas stolz darauf. Ich danke Ihnen sehr.
G: Ich habe zu danken. Vielen Dank.
G: Das ist die Insel Kınalı, das Burgaz, also die Prinzessineninseln... Meine Kindheit habe ich hier erlebt. Ja. Heybeli, Büyükada. Das ist Sivriada. Wie sie es zugerichtet haben. Das ist Yassıada, das weißt du sicher.