Lautes Gelächter am Abgrund?
Der deutsche Film im Jahr 2025
Es war Jahr für Jahr die gleiche Prozedur: An der Spitze des Kinojahres in Deutschland stand fast immer ein amerikanischer „Blockbuster“ als meistbesuchter Film. Der markante Begriff „Blockbuster“ hat übrigens eine makabre ursprüngliche Wortbedeutung: Er wurde im 2. Weltkrieg für spezielle Fliegerbomben verwendet, die ganze Wohnblöcke zerstören konnten. Nach dem Krieg verwandelte sich der Begriff zum friedlicheren Synonym für erfolgreiche, massenkompatible Hollywood-Produktionen. Wie aber kommt es, dass im Kinojahr 2025 eine deutsche Filmproduktion das Rennen machte? Die Rede ist von „Bully“ Herbigs Kassenschlager „Das Kanu des Manitu“! Mehr als 5 Millionen Besucher standen an den deutschen Kinokassen Schlange, in froher Erwartung eines kollektiven Ablach-Events, das genau so funktionierte: eine ungebremste Abfolge von Slapsticks, Gags und möglichst flachen, aber knalligen Dialogen, mit sinnfreiem Wortwitz.

Auf Platz vier der Film-Hitparade folgt, mit beachtlichen 2,9 Millionen Zuschauern, das deutsche Kinder-Opus „Die Schule der magischen Tiere 4“ von Bernhard Jasper und Maggie Peren. Auch hier wenig Tiefgang, dafür reihenweise junge Sympathieträger, denen die Schule Spass zu machen scheint. Kaum weniger Zuschauer fand die Neuauflage des US-Dinosaurier-Klassikers „Jurassic World – Die Wiedergeburt“, ein Film, der sich ganz frei von jeder Originalität durch nichts von seinen Vorgängern unterscheidet. Ähnlich dann unter den ersten zehn Kassenschlagern: „Mission: Impossible - The Final Reckoning“ oder auch das Animationsgetöse „Drachenzähmen leicht gemacht“.
„Wunderschöner“ von Karoline Herfurth lockte 1,4 Millionen Zuschauer in die Fortsetzung des Erfolgsfilms „Wunderschön“, um zu erleben, wie der Existenzkampf ihrer Großstadtheldinnen – mit Anneke Kim Sarnau, Karoline Herfurth, Emilia Schüle und Nora Tschirner – sich weiterentwickelt. Immerhin ist der Film mit einigem Witz und Lebendigkeit inszeniert.
Aber dann: „Amrum“ von Fatih Akın sahen 800.000 Kinogänger, einen in vieler Hinsicht überraschenden Film über verlorene Heimaten! Wer glaubte, Fatih Akıns Kinowelten zu kennen, wurde überrascht von dem ungewohnten, anregend ruhigen Tonfall, der durchgehend in „Amrum“ herrscht. Es ist eine Art Biopic, denn Akın inszeniert hier die verdichteten Kindheitserinnerungen von Hark Bohm, seinem jüngst verstorbenen, engen Freund und Mentor. Die Handlung spielt auf der Nordseeinsel Amrum gegen Ende des 2. Weltkriegs und erzählt sensibel und berührend von den Widrigkeiten deutscher Ost-Flüchtlinge auf Schutzsuche vor den russischen Soldaten. Das Drehbuch schrieben Bohm und Akın gemeinsam, und im Vorspann zu „Amrum“ steht: „Ein Hark-Bohm-Film von Fatih Akın“.
Mia Maariel Meyer drehte „22 Bahnen“, einen Film, den immerhin 700.000 Besucher sahen. „22 Bahnen“ ist auch der Titel des Debütromans der Autorin Caroline Wahl, der gewaltigen Erfolg hatte – mit angeblich 600.000 verkauften Exemplaren. Erzählt wird von Tilda, Anfang 20, einer sehr begabten Mathematikstudentin, die im Supermarkt jobbt, um die kleine Schwester und die alkoholkranke Mutter zu versorgen. Sie flüchet sich allabendlich ins örtliche Schwimmbad, wo sie ritualisierte 22 Bahnen absolviert. Leider nicht frei von zu vielen Klischees und Stereotypen.
Ganz anders, weil wirklich realitätsnah, ist „Heldin“ von Petra Volpe. Beachtliche 420.000 Zuschauer ließen sich auf diese authentische Alltagsdramatik ein. Erzählt wird hier von einer einzigen Nachtschicht aus der Erlebnissicht einer jungen Krankenschwester in einer chirurgischen Station. Detailfreudig und ganz frei von jeder Arzt-Krankenhaus-Romantik wird in diesem unglaublich intensiven Film ein Stück Wirklichkeit konzentriert. In dessen Mittelpunkt steht das sensible und äußerst berührende Spiel der Leonie Benesch.
„In die Sonne schauen“ von Mascha Schilinski sahen rund 340.000 Kinobesucher. Viel zu wenig, denn dieser in jeder Hinsicht originelle Film lebt von großer visueller Kraft! Keine vorhersehbare, lineare Erzählung, sondern das in allen Momenten äußerst sinnliche visuelle Eintauchen in dörflich-ländliche Lebenswelten, ganz weit weg von jedweder Bauernhof-Idylle. Zeiten und Räume stehen da nebeneinander, ineinander und provozieren assoziative Wahrnehmungen, personifiziert von vier jungen Frauen im Lauf eines Jahrhunderts auf ein und demselben Bauernhof: starke Bilder, Impressionen, Töne und Geräusche, als ein impressionistisches, sehr poetisches Panorama inszeniert. Da tauchen Sequenzen von faszinierender Leichtigkeit, Luftigkeit und auch Schönheit auf, wie sie Seltenheitswert im aktuellen Kino haben. So jedenfalls schaut „großes“ Kino aus!
„Wenn einer den Sozialismus rettet, dann wir“: Das sagen die „Die Kundschafter des Friedens 2“ – so nannte man zu DDR-Zeiten die Auslandsagenten des Ministeriums für Staatssicherheit. Ein weiteres Beispiel frohsinnigen Edel-Ostalgie-Films mit reihenweise Ex-DDR-Filmakteuren, die vor Spielfreude schier nur so sprühen! Ähnlich ist „Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße“ von Wolfgang Becker. Charly Hübner ist Micha und führt eine ruinöse Videothek. Plötzlich wird er zum Medienheld: Er soll zu einer „Massenflucht“ von 127 DDR-Insassen verholfen haben – eine Zeitungsente allerdings, die folgenreich ist. Beckers letzter Film – er starb 2024 – lebt von seiner großen Sympathie für die kleinen Leute und deren Alltagsdramen, inszeniert mit einigem feinem Humor und sanfter Realsatire.
Gar nicht „deutsch“ ist „Der phönizische Meisterstreich“ von Wes Anderson, trotzdem aber eine deutsch-amerikanische Koproduktion. Der geistreiche Film ist eine funkelnde Satire und Farce über wahnwitziges Geschäftsgebaren am Beispiel eines hybriden Unternehmers, in schaurig-schönen, pechschwarzen Bildkompositionen, gemalt wie in altmeisterlichen Gemälden. Ein sehr fester, brillant-bösartiger Blick auf die Welt als komplettes Tollhaus!
Abschließend sollen Zahlen sprechen. Im Jahr vor Corona (2019) gingen insgesamt 99.516.640 Besucher an die Kinokassen und zahlten Eintritt. 17.766.984 von ihnen
besuchten deutsche Filmproduktionen. Mit Corona sanken die Umsätze tief in den Keller. Danach folgte ein Wiederaufstieg der Besucherzahlen. Die FFA Filmförderungsanstalt rechnet für das Kinojahr 2025 mit 90 bis 95 Millionen verkauften Tickets, was das zweitbeste Ergebnis seit der Pandemie wäre, obwohl die erste Jahreshälfte mit 40,6 Millionen Tickets ein kleines Minus verzeichnete. Der Anteil deutscher Produktionen liegt bei etwa 19,5 %, was eine leichte Steigerung gegenüber 2024 darstellt, wobei Kinderfilme eine große Rolle spielen. Also, es gibt Hoffnung im Horizont des deutschen Kinomarkts, vor allem, wenn man bedenkt, dass pro Ticket im Durchschnitt ca. 10 EUR bezahlt werden.
Jochen Schmoldt
Journalist
Januar 2026
Nürnberg




