Genco Erkal: Weltklasse – nachhaltig – kompromisslos

Als Regisseur, Schauspieler und Autor prägte er das moderne türkische Theater wie kaum ein anderer. 2019 feierte er das 60. Jubiläum seines künstlerischen Schaffens: Genco Erkal.

Seine Bühnenkarriere begann Erkal 1959. Er wirkte als Regisseur und Schauspieler bei den wichtigsten Theatergruppen der freien Szene mit, bevor er 1969 das legendäre Dostlar Tiyatrosu (Theater der Freunde) gründete, dessen Intendant er noch immer ist. Erkal versteht seine Kunstpraxis stets auch als gesellschaftspolitischen Auftrag, wurde er doch künstlerisch und politisch von den Ideen der 68er-Revolten geprägt. Das Kollektiv Dostlar Tiyatrosu sollte zu einer Schule werden für „bildungsferne“ Schichten jenseits der Metropole Istanbul, weswegen er mit seinen Mitstreitern zuerst eine unabhängige Theaterstruktur in Anatolien aufbauen wollte. Doch das ambitionierte Vorhaben scheiterte, ebenso der Versuch, das Theaterkollektiv als integralen Bestandteil der progressiven Gewerkschaften in Istanbul zu etablieren. In den 1970er Jahren wurde Dostlar Tiyatrosu dennoch zu einer Institution. In einer Zeit, in der das Land sich in einem bürgerkriegsähnlichen Zustand befand, zeigte Genco Erkal ein Repertoire mit Werken u.a. von Maxim Gorki, Jean-Paul Sartre, Peter Weiss, John Steinbeck, Tankred Dorst und immer wieder Brecht. Als explizit politisches Theater mit einem starken Ansatz des Dokumentarischen brachte Erkal auch türkische Autoren auf die Bühne wie Aziz Nesin, Haldun Taner, Vasıf Öngören und Nazım Hikmet.

Bertolt Brecht und Nazım Hikmet ziehen sich wie ein roter Faden durch das künstlerische Schaffen Erkals. Generationen von Schauspieler*innen und Regisseur*innen gingen durch diese Schule - der Idee der Aufklärung verpflichtet, stets auf der Suche nach neuen ästhetischen Ansätzen und mit dem Anspruch, die Gesellschaft mit den Mitteln der Theaterkunst zu verändern. Erkal und sein Dostlar Tiyatrosu setzten hier Maßstäbe, die nach dem Militärputsch 1980 abrupt beendet wurden. Die Machthaber hinterließen verbrannte Erde und genau an diesem Punkt begann Genco Erkals Karriere als Schauspieler in Kinofilmen, die man im wahrsten Sinne des Wortes an den Fingern einer Hand zählen kann. In einem der dunkelsten Kapiteln der türkischen Geschichte sorgten aber genau diese Werke international für große Aufmerksamkeit. Mit Erden Kırals Hakkari’de Bir Mevsim (Eine Saison in Hakkari), ausgezeichnet mit dem Silbernen Bären 1983, oder mit dem in Tokio und Valencia preisgekrönten Film At (Das Pferd) von Ali Özgentürk wurde Erkal einem internationalen Filmpublikum und mit seinen Bühnenauftritten Anfang der 1990er Jahre in Paris und Avignon auch einem Theaterpublikum bekannt.

In diese Schaffensperiode Erkals fällt auch seine erste Begegnung mit dem Filmfestival Türkei Deutschland. Bei der allerersten Ausgabe 1992 – eine „Türkische Filmwoche“ mit nur sieben Filmen und einer Gästin aus Istanbul – war er in Fehmi Yaşars Film Camdan Kalp (Herz aus Glas) auf der Leinwand zu sehen. Bei einem performativen Brecht-Abend, einer kollektiven Inszenierung des Festivalteams unter seiner Beteiligung, stand er 1994 in Nürnberg nicht nur auf der Bühne, sondern gestaltete ganz in der Tradition von Dostlar Tiyatrosu auch Workshops für junge Kunstschaffende.

25 Jahre nach dieser außergewöhnlichen Begegnung schließt sich nun der Kreis. Das Festival ehrt Genco Erkal für sein Lebenswerk, weil er die Theater- und Kinokunst seines Landes tief beeinflusste und als ein Künstler, der in mehreren Kulturen und Sprachen zu Hause ist, zum Brückenbauer wurde zwischen der Türkei und internationalen Kunstlandschaften. Nicht zuletzt wird Erkal auch dafür geehrt, weil er einer der wenigen Künstler ist, die ihr Kunstverständnis stets mit einem politischen Anspruch in den Dienst einer friedlichen und modernen Gesellschaft in der Türkei stellen.

Filme mit Genco Erkal

Filmbild Refakatçiler

Refakatçiler :: Die Begleiter

TR 2017, 56'' min., OmeU

Regie: Tunç Şahin

Serhat ist ein pensionierter Ingenieur, der alleine lebt, seit sein Sohn Okan ausgezogen ist. Er ist ein autoritärer, mürrischer Mann, der die Jugend von heute nicht leiden kann, den Trubel der Stadt nicht mag und undankbar ist. Doch mit einem plötzlichen Herzinfarkt verändert sich alles. Zum ersten Mal in seinem Leben braucht er Hilfe. Und diese Hilfe kommt ganz unerwartet von seiner Frau Vildan, die schon vor Jahren verstarb. Serhat, der nicht mehr so stark ist wie früher, muss durch die Besuche von Vildan mit seinem Leben abrechnen und Rechenschaft für all seine Fehler ablegen.

Darsteller: Genco Erkal, Tilbe Saran, Sabahattin Yakut, Furkan Didim, Saim Karakale