Ehrenpreise 2020

»Ich bin ein Glückskind.« – das sagt Senta Berger über sich, ihr Leben, ihre Karriere. Und die ist so ziemlich beispiellos. Es begann mit deutschem 50er-Jahre-Kintopp, dem Auftritte neben großen Stars der 60er Jahre in Hollywood folgten, ehe sie nach Europa zurückkehrte und filmisches Neuland zu erkunden suchte.  Kaum ein Genre, das sie nicht ausprobiert hat – vor und hinter der Kamera  – sogar als Produzentin. Und sie versteckte sich nicht hinter Star-Glamour, sondern trat immer wieder unerschrocken an die Öffentlichkeit, um Willy Brandt Wahlhilfe zu geben  und wie damals mit vielen anderen Frauen im Rahmen der legendären Aktion des Magazins »Stern« –   »Ich habe abgetrieben« –  teilzunehmen.
Senta Berger, am 13. Mai 1941 geboren, wuchs in Lainz im 13.  Wiener Bezirk auf. Ihr Vater Josef Berger war Musiker, mit ihm trat sie bereits   im zarten Alter von fünf Jahren auf. Die Familie wohnte in einem Gemeindebau der Stadt Wien in einer winzigen Wohnung, in der aber immer das Klavier des Vaters stand. Das größte Glück für sie und ihre Mutter war der kleine Schrebergarten. »Meine Kindheit hat mich geerdet  und gibt mir Halt!«, sagt sie.  Mit 14 Jahren entschied sie, Schauspielerin zu werden, nahm privaten Unterricht, wurde am  Max Reinhardt Seminar angenommen – und bald  entlassen, weil sie ohne Erlaubnis eine kleine Rolle neben Yul Brynner in dem Film »The Journey« von Meisterregisseur Anatole Litvak angenommen hatte. Aber bereits 1958 wurde sie  jüngstes Mitglied am Wiener Theater in der Josefstadt.

Und dann kam das Kino mit  Produzent Artur Brauner, er engagierte sie für den Film »Der brave Soldat Schweijk« mit Heinz Rühmann. Und Bernhard Wicki wollte sie für »Das Wunder des Malachias«, ein satirisches Sittenbild der bigotten  Gesellschaft zu Zeiten des florierenden Wirtschaftswunders.  

1962 folgte sie  dem Lockruf nach Hollywood und drehte mit Stars in Serie: Charlton Heston, Frank Sinatra, Dean Martin,  Rita Hayworth, Kirk Douglas, John Wayne und Yul Brynner. Sie spielte in Filmen wie  in dem US-Bürgerkriegsfilm »Sierra Charriba« des Regisseurs Sam Peckinpah und »Der Schatten des Giganten« (1966), einem Film über die Entstehungsgeschichte des Staates Israel  –  mit Senta Berger als die Kämpferin Magda Simon.
      
1966 hat Senta Berger den – späteren – Regisseur Michael Verhoeven  geheiratet: »Er hat mir geholfen, ein Selbstbewusstsein zu erarbeiten – was man braucht, um in diesem Beruf überhaupt Licht zu sehen. … Ich war mir in Amerika meiner Abhängigkeit als Schauspielerin sehr bewusst geworden«. Folgerichtig gründete das Paar  Mitte der 60er Jahre eine eigene Produktionsfirma – »Sentana«. 1969 kehrte Senta Berger nach Europa zurück, ging mit Verhoeven zunächst nach Rom, wo sie gerne lebte. Die jungen deutschen Filmemacher waren dagegen zurückhaltend, zu sehr verband man Senta Berger mit »Opas Klischee-Kino«. Aber Volker Schlöndorff gab ihr dennoch die Hauptrolle in seiner Gesellschafts-Satire »Die Moral der Ruth Halbfass«.

In dem  deutschen Straßenfeger-TV-Krimi »Babeck« singt sie sogar: »Vergiss mich, wenn du kannst«. Und sie konnte singen!  Ambitionierte Filme in Eigenproduktion entstanden:  »Mutters Courage« nach dem  Theaterstück von George Tabori, »Das schreckliche Mädchen« nach dem Vorbild der mutigen jungen Anja Rosmus, die ihre Heimatstadt Passau mit deren verdrängter NS-Vergangenheit konfrontierte. Und dann der ganz starke Film über die Geschwister Scholl, »Die weiße Rose«, –   der erfolgreichste Film des Kinojahres 1982 !
1985/86 kam der TV-Satire-Edelstein über die Münchner Schickeria – »Kir Royal« – mit Franz Xaver Kroetz als rotierender Baby Schimmerlos und Senta Berger als seine umwerfende lakonisch-eigenwillige Partnerin Mona.

Als eindrucksvolle Charakterdarstellerin mit feinem Sinn für Zwischentöne erwies sich Senta Berger in »Frau Böhm sagt Nein«, einem Fernsehfilm aus dem Jahre 2009,  ebenso neben Bruno Ganz in dem Kinofilm »Satte Farben vor Schwarz« (2010). Von 2002 bis 2019 gestaltete sie in der TV-Krimiserie »Unter Verdacht« die so spröde wie hartnäckige Kriminalrätin Dr. Eva Maria Prohacek.  Bereits der Pilotfilm »Verdecktes Spiel« erhielt 2003 den Adolf-Grimme-Preis.  Der Spielfilm »Willkommen bei den Hartmanns« wurde ein Riesenerfolg in der Regie von Simon Verhoeven, Senta Bergers Sohn, mit ihr in einer Hauptrolle. Der Film  erreichte 2016 in Deutschland fast 4 Millionen (!) Zuschauer.
Unmöglich, all ihre Aktivitäten zu benennen – unzählige Filmpreise und Ehrungen pflastern ihren einzigartigen Weg durch die Filmlandschaften.  In der Tat: Senta Berger ist ein »Glückskind«.

Jochen Schmoldt
Journalist 
Nürnberg 

Als Regisseur, Schauspieler und Autor prägte er das moderne türkische Theater wie kaum ein anderer. 2019 feierte er das 60. Jubiläum seines künstlerischen Schaffens: Genco Erkal.

Seine Bühnenkarriere begann Erkal 1959. Er wirkte als Regisseur und Schauspieler bei den wichtigsten Theatergruppen der freien Szene mit, bevor er 1969 das legendäre Dostlar Tiyatrosu (Theater der Freunde) gründete, dessen Intendant er noch immer ist. Erkal versteht seine Kunstpraxis stets auch als gesellschaftspolitischen Auftrag, wurde er doch künstlerisch und politisch von den Ideen der 68er-Revolten geprägt. Das Kollektiv Dostlar Tiyatrosu sollte zu einer Schule werden für „bildungsferne“ Schichten jenseits der Metropole Istanbul, weswegen er mit seinen Mitstreitern zuerst eine unabhängige Theaterstruktur in Anatolien aufbauen wollte. Doch das ambitionierte Vorhaben scheiterte, ebenso der Versuch, das Theaterkollektiv als integralen Bestandteil der progressiven Gewerkschaften in Istanbul zu etablieren. In den 1970er Jahren wurde Dostlar Tiyatrosu dennoch zu einer Institution. In einer Zeit, in der das Land sich in einem bürgerkriegsähnlichen Zustand befand, zeigte Genco Erkal ein Repertoire mit Werken u.a. von Maxim Gorki, Jean-Paul Sartre, Peter Weiss, John Steinbeck, Tankred Dorst und immer wieder Brecht. Als explizit politisches Theater mit einem starken Ansatz des Dokumentarischen brachte Erkal auch türkische Autoren auf die Bühne wie Aziz Nesin, Haldun Taner, Vasıf Öngören und Nazım Hikmet.

Bertolt Brecht und Nazım Hikmet ziehen sich wie ein roter Faden durch das künstlerische Schaffen Erkals. Generationen von Schauspieler*innen und Regisseur*innen gingen durch diese Schule - der Idee der Aufklärung verpflichtet, stets auf der Suche nach neuen ästhetischen Ansätzen und mit dem Anspruch, die Gesellschaft mit den Mitteln der Theaterkunst zu verändern. Erkal und sein Dostlar Tiyatrosu setzten hier Maßstäbe, die nach dem Militärputsch 1980 abrupt beendet wurden. Die Machthaber hinterließen verbrannte Erde und genau an diesem Punkt begann Genco Erkals Karriere als Schauspieler in Kinofilmen, die man im wahrsten Sinne des Wortes an den Fingern einer Hand zählen kann. In einem der dunkelsten Kapiteln der türkischen Geschichte sorgten aber genau diese Werke international für große Aufmerksamkeit. Mit Erden Kırals Hakkari’de Bir Mevsim (Eine Saison in Hakkari), ausgezeichnet mit dem Silbernen Bären 1983, oder mit dem in Tokio und Valencia preisgekrönten Film At (Das Pferd) von Ali Özgentürk wurde Erkal einem internationalen Filmpublikum und mit seinen Bühnenauftritten Anfang der 1990er Jahre in Paris und Avignon auch einem Theaterpublikum bekannt.

In diese Schaffensperiode Erkals fällt auch seine erste Begegnung mit dem Filmfestival Türkei Deutschland. Bei der allerersten Ausgabe 1992 – eine „Türkische Filmwoche“ mit nur sieben Filmen und einer Gästin aus Istanbul – war er in Fehmi Yaşars Film Camdan Kalp (Herz aus Glas) auf der Leinwand zu sehen. Bei einem performativen Brecht-Abend, einer kollektiven Inszenierung des Festivalteams unter seiner Beteiligung, stand er 1994 in Nürnberg nicht nur auf der Bühne, sondern gestaltete ganz in der Tradition von Dostlar Tiyatrosu auch Workshops für junge Kunstschaffende.

25 Jahre nach dieser außergewöhnlichen Begegnung schließt sich nun der Kreis. Das Festival ehrt Genco Erkal für sein Lebenswerk, weil er die Theater- und Kinokunst seines Landes tief beeinflusste und als ein Künstler, der in mehreren Kulturen und Sprachen zu Hause ist, zum Brückenbauer wurde zwischen der Türkei und internationalen Kunstlandschaften. Nicht zuletzt wird Erkal auch dafür geehrt, weil er einer der wenigen Künstler ist, die ihr Kunstverständnis stets mit einem politischen Anspruch in den Dienst einer friedlichen und modernen Gesellschaft in der Türkei stellen.

Pressemitteilung zu den Ehrenpreisen