Ein lyrisches Abenteuer… 

Wer ist eigentlich Haluk Bilginer? Was kann man über ihn sagen? Genügt eine etwas ausgeschmückte Biografie, um ihn zu beschreiben? „Diese dröge Auflistung von Daten, Titeln, Bühnenstücken, Filmen, Preisen klingt so spannend wie ein Telefonbuch!‟. Das würde er sich bestimmt denken! Schließlich sind alle Details seiner Biografie überall zu finden. Doch diese Einzelheiten in einen Zusammenhang zu bringen und zu verstehen, steht auf einem anderen Blatt. Oder um den türkischen Soziologen und Philosophen Ulus Baker zu zitieren: „Sie müssen nicht alles verstehen. Das Begreifen des Ganzen bildet nur eine von vielen Facetten unserer Beziehung zu unserer Welt und ist nicht allumfassend.‟ Wir verstehen oft selbst unsere engsten Freunde und Freundinnen, unsere Partnerinnen und Partner, unsere Kinder und Eltern nicht. Wie soll uns es da gelingen jemanden zu begreifen, den wir nur aus Artikeln, Interviews und Berichten zu kennen glauben? Es macht mehr Sinn, dieses scheinbare „Verstehen‟ durch ein „Fühlen‟ oder „Verinnerlichen‟ zu ersetzen… 

Also, wer ist Haluk Bilginer? Liest man in all den Interviews, Berichten und sonstigen Veröffentlichungen zwischen den Zeilen, so scheinen die Verse des Dichters Cemal Süreya ihn am besten zu beschreiben: 

‚Nichts anderes habe ich als unendliche Straßen 

Hätte ich dich bloß allein deswegen geliebt.‘ 

Haluk Bilginer, der im Juni 1954 in Izmir geboren wurde, sagt: „Ich habe immer geträumt, mein ganzes Leben lang habe ich nur geträumt und bestimmt werde ich eines Tages auch sterben, während ich träume. Es geht doch ganz und gar nicht ohne Träume.‟

„In meiner Kindheit gab es Open-Air-Kinos. Erinnern kann ich mich an eine Vorführung von Stanley Kubricks Spartakus, die noch vor Sonnenuntergang anfing. Zwei Drittel des Films sahen wir uns bei Tageslicht an. Auch im Winter ging ich an Wochenenden immer ins Kino, egal welcher Film gezeigt wurde. In Izmir gab es die Kinos Köşk und Sema, egal was dort lief, ich sah es mir an. Natürlich träumte ich von der Schauspielerei, schon in der Grundschule. Als Gymnasiast stand ich zum ersten Mal auf der Schulbühne und war total glücklich und dachte, das mach ich zu meinem Beruf. Eigentlich wollte ich Arzt werden oder Chemieingenieur. Also fragte ich mich, was hat Schauspielerei mit diesen Berufen zu tun? Es ist die Neugier, und die liegt in meiner Natur! Wäre ich Arzt geworden, dann aus purer Neugier. Schauspielerei beruht auch auf Neugier. Da gibt es eine Figur, der du Leben ‚einhauchen‛ sollst. Und während du sie spielst, denkst du dir, ‚was würde die Figur in dieser und jener Situation tun, was ist sie für eine Person?‛ Es gibt dieses Sprichwort, das ein bisschen schwer zu übersetzen ist: ‚Acting is actually reacting‛. Schauspielern ist nichts an und für sich, sondern eine Reaktion auf etwas, was passiert. Das kann auch eine Reaktion auf dich selbst sein. Wenn du allein auf der Bühne stehst und dir die Frage stellst, was du da gerade tust, reagierst du auf diese Frage. Also gibt es nichts, was du unüberlegt tust.  Manchmal fragen Leute, die vom Schauspiel keine Ahnung haben, so etwas wie: ‚Wie merkt ihr euch all die vielen Texte?‘ Das ist der einfachste Teil, denn Auswendiglernen ist ja nichts Besonderes! Jedenfalls, als ich dann auf die Bühne ging, habe ich gemerkt, dass ich dort sehr glücklich bin.  Da dachte ich: Gut, dann gehe ich eben auf die Schauspielschule.‟ * 

Bereits vor seinem Studium spielte Bilginer 1971-72 in drei Produktionen am Staatstheater Izmir. Dank einem staatlichen Stipendium studierte er danach zuerst fünf Jahre am Konservatorium in Ankara, anschließend an der renommierten Academy of Music & Dramatic Art (LAMDA) in London, wo er enge Kontakte zu Lehrkräften knüpfte, vor allem zum berühmten Schauspieler Nigel Hawthorne. Hier bekam er seine ersten Rollen: Als Erster Araber in dem von Bob Swaim inszenierten Film Half Moon Street mit Sigourney Weaver und Michael Caine in den Hauptrollen und dann als Guerillaführer in der Großproduktion Ishtar von Elaine May an der Seite von Dustin Hoffman, Warren Beatty und Isabella Adjani. Berühmtheit erlangte Bilginer schließlich durch die BBC-Serie EastEnders. Von 1985 bis 1989 spielte er in 109 Folgen Mehmet Osman, den Zyprioten, der ihn einem Massenpublikum bekannt machte. Eine Rolle, die er authentisch und ehrlich verkörperte…

1987 kehrte er in die Türkei zurück, wo er zuerst in der von Okan Uysaler inszenierten vierteiligen Fernsehserie Gecenin Öteki Yüzü (Die andere Seite der Nacht), adaptiert nach einem Roman der Schriftstellerin Füruzan, spielte. Dem folgte Ateşten Günler (Tage aus Feuer) in der Regie von Ziya Öztan.  

„Das Bühnenbild unseres Spiels inmitten Aller ist ein Taschentuch 

Hätte ich dich bloß allein deswegen geliebt.“ 

Haluk Bilginer pendelte weiter zwischen der Türkei und Großbritannien bis er 1989 in Istanbul zusammen mit Ahmed Levendoğlu und Zuhal Olcay das Tiyatro Stüdyosu (Theaterstudio) gründete. Die erste Produktion dieser unabhängigen Bühne war Harald Pinters Betrayal

Für Haluk Bilginer sei Theater eine verrückte Leidenschaft, meinen manche. „Wenn das verrückt ist, dann bin ich eben verrückt!‟ , kommentiert er und fügt hinzu: „Die Theaterbühne ist der Ort, an dem ein Schauspieler sich ausdrücken und wohlfühlen kann.‟ Nach Beendigung der Zusammenarbeit mit Ahmed Levendoğlu setzten Bilginer und Zuhal Olcay ihren Weg mit der Oyun Atölyesi (Spielwerkstatt) fort. Mit Steven Berkoffs Kvetch geht Oyun Atölyesi ab 1999 zunächst nur auf eine Gastspieltournée. Nach zwei Jahren Bauarbeiten ohne jede staatliche oder private Hilfe eröffnete Oyun Atölyesi schließlich am 4. April 2002 eine eigene Spielstätte mit Anthony Horowitz’ Mind Game.

Haluk Bilginer beschreibt die Ziele von Oyun Atölyesi wie folgt: „Das Wesentliche ist der Begriff des Spiels – und die Verbindung von Aufrichtigkeit im Spiel mit der künstlerischen Ästhetik der Wahrheit, um sie dem Publikum zu vermitteln. Entsprechend diesem Grundprinzip ist das Ziel, die Werke von verschiedenen Autorinnen und Autoren mit unterschiedlichen Schauspielenden, Bühnenbildnerinnen und Bühnenbildnern sowie Lichtdesignerinnen und Lichtdesignern im Rahmen einer Werkstatt zusammenzubringen, die offen ist für Experimente! 

Auf diese Weise sollen neue und unterschiedliche Blickwinkel entstehen, sodass wir für jedes Werk eine eigene Welt zu schaffen und dem Publikum die Möglichkeit geben, diese unterschiedlichen Welten und universellen Probleme mitzuerleben und zu diskutieren. 

Wie im Leben sind auch hinter und auf der Bühne alle gleich. Deswegen gibt es auch keinen Unterschied nach dem Motto ‚manche sind gleicher als gleich!‛ ‟ ** 

Haluk Bilginers Gesamtwerk umfasst neben Theaterproduktionen im In- und Ausland auch Fernsehserien, Kinofilme, Sitcoms, Synchronarbeiten und Übersetzungen, die er in einem fast unglaublichen Tempo realisiert … Unvergessen dabei sein improvisierter Monolog als Bekir in Zeki Demirkubuz’ großartigem Film „Masumiyet‟ (Die Unschuld):  
 
„… In jener Nacht dachte ich gründlich nach. Bekir, sagte ich zu mir, du musst es ertragen, es gibt keinen anderen Weg. Aufzubegehren ist nutzlos, das ist dein Schicksal, dein Weg ist vorbestimmt, senk den Kopf und lauf weiter. Seitdem gehe ich unauffällig meinen Weg.‟  

Haluk Bilginer spielte in fast 100 Fernsehserien und Kinofilmen und in Dutzenden wichtigen Bühnenstücken in der Türkei und Großbritannien. Darunter auch die Hauptrolle in Nuri Bilge Ceylans Kış Uykusu (Winterschlaf), der 2014 in Cannes die Goldene Palme gewann. Was kann man also noch erzählen über einen international berühmten Schauspieler, der sein Publikum inspiriert, ihm Hoffnung gibt und seinen Beruf mit großer Leidenschaft ausübt? Sein Leben verbringt er zusammen mit seiner über alles geliebten Tochter Nazlı auf seinem Bauernhof in Gebze unweit von Istanbul und seinem rasanten Berufsleben zwischen Istanbul und London… 

„Allein schreitet ein Mann durch die Abteile eines blauen Zuges 

Hätte ich dich bloß allein deswegen geliebt.“ 

Er wird allseits geliebt… Fast für alles, was er anfasst und dadurch wertvoll macht… 

 

Murat Erşahin
Filmkritiker
Januar 2026, Istanbul

* Filmgespräche , Verlag der Bosporus-Universität, 2013 
** Haluk Bilginer: Das Geheimnis des Magiers , Rıza Kıraç, Altın Koza, 2021