Noch bis vor drei, vier Jahren war es nicht ungewöhnlich, dass ein Kinofilm in der Türkei fünf Millionen Menschen in die Kinosäle lockte. Davon kann man heute nur noch träumen, denn aufgrund der Wirtschaftskrise ist ein Kinobesuch zum Luxus geworden. Dass der meistbesuchte Film dieses Jahres, Yan Yana von Mert Baykal, mehr als 2,6 Millionen Menschen erreichte, ist daher erfreulich. Während und nach der Pandemie gab es in der Türkei, wie weltweit auch, einen starken Rückgang an Zuschauerzahlen. Wurden 2017 noch 71 Millionen Tickets verkauft, sank die Zahl 2019 auf 59 Millionen. Nach der Pandemie im Jahr 2022 waren es sogar nur noch 36 Millionen verkaufte Tickets. Die rückläufige Tendenz setzte sich auch 2024 fort (33 Millionen) und lag 2025 bei 28 Millionen, ein Rückgang um 13 Prozent zum Vorjahr. Nach der Pandemie war in vielen Ländern eine Erholung zu beobachten, die Entwicklung in der Türkei weist aber leider auf eine strukturelle Krise hin. 

 
 Das Publikum belohnt anspruchsvolle Filme 

Die Vertiefung der Krise hat zwei Hauptgründe. Wie schon oben erwähnt, liegt es zum einen an der seit Jahren andauernden gesamtwirtschaftlichen Misere, unter der die Kaufkraft der Menschen leidet. Inzwischen ist ein Kinobesuch für viele keine Selbstverständlichkeit mehr. Der durchschnittliche Ticketpreis in Großstädten wie Istanbul, Ankara und Izmir liegt zwischen 300 und 350 türkischen Lira (umgerechnet 6,50 Euro), in anderen Städten bei 250 türkischen Lira (5,50 Euro). Zum anderen haben manche Filmschaffende keine Motivation mehr, anspruchsvolle Filme für ein Massenpublikum zu produzieren.

Das Kulturministerium führte dieses Jahr einen Kinotag ein (Mittwochs kosten die vergünstigten Tickets 120 türkische Lira, umgerechnet 2,20 Euro). Das Publikum belohnte diese Maßnahme, was auch der Kassenerfolg von Yan Yana, der türkischen Adaption von Ziemlich beste Freunde mit Haluk Bilginer und Feyyaz Yiğit in den Hauptrollen, zeigt. 

Die Produktionsstrukturen im türkischen Mainstream-Kino haben sich inzwischen fast völlig aufgelöst. Das erinnert an die Situation in den 1990er Jahren. Anspruchsvolle Streifen für breite Massen werden nicht mehr produziert. Das Feld wurde fast nur noch seichten Komödien und türkischen Horrorstreifen überlassen. Yan Yana hat dem populären Kino sicherlich ein neues Leben eingehaucht und als erfolgreichste türkische Produktion im Jahr 2025 gezeigt, dass anspruchsvolle Mainstream-Streifen das Publikum durchaus in die Kinosäle locken können. 

Eine weitere Überraschung dieser Kinosaison war Adile Naşit von Regisseur Çağan Irmak. Kamen schon seit Jahren zahlreiche Biopics von Musikern in die Kinos, so ist mit Adile Naşit zum ersten Mal die Biographie einer Schauspielerin auf der Leinwand zu sehen. Adile Naşit war nicht irgendeine Künstlerin. Generationsübergreifend verkörpert sie viele gemeinsamen Werte der türkischen Gesellschaft. Ihr gelang es, das vorherrschende Verständnis von Schauspielkunst sowohl auf der Bühne als auch vor der Kamera still und tiefgreifend auf den Kopf zu stellen. Eine Schauspielerin, die, trotz ihrer tragischen Lebensgeschichte, künstlerische Maßstäbe setzte. Ihre außergewöhnliche Biografie brachte Çağan Irmak bravourös auf die Leinwand. Der Film, der kurz vor Jahresende in die Kinos kam, hat das Potential, den Weg für weitere Biopics von Schauspielerinnen und Schauspielern zu ebnen. Bleibt zu hoffen, dass das auch gelingt. 

Die Unabhängigen lassen sich nicht entmutigen 

Allen Widrigkeiten zum Trotz produziert auch die unabhängige Szene weiter. Angesichts der Wirtschaftskrise, steigender Produktionskosten und des Zensurdrucks verdient diese Beharrlichkeit Anerkennung. Zu den wichtigsten Filmen, die dieses Jahr zuerst auf Festivals und dann in den Kinos liefen, zählen Pelin Esmers O da Bir Şey mi (Ist das alles?), Özcan Alpers Erken Kış (Früher Winter), der mutige Film des aus Deutschland stammenden Regisseurs Türker Süer, Gecenin Kıyısı (Schatten der Nacht), Gürcan Kelteks innovative Produktion Yeni Şafak Solarken (Neue Morgendämmerung), Emine Yıldırıms Gündüz Apollon Gece Athena (Apollon bei Tag, Athena bei Nacht), Tayfun Pirselimoğlus İdea (Idee), Vuslat Saraçoğlus Bildiğin Gibi Değil (Es ist nicht so, wie du denkst), Soner Serts Acı Kahve (Bitterer Kaffee) und Alkan Avcıoğlus Gerçek Ötesi (Postreal).   

Auf den wichtigsten Filmfestivals der Türkei waren weitere herausragende Produktionen zu sehen wie zum Beispiel Seyfettin Tokmaks Tavşan İmparatorluğu (Das Reich der Hasen), Gözde Kurals Cinema Jazireh, Özkan Çeliks Perde (Vorhang), Ziya Demirels En Güzel Cenaze Şarkıları (Die schönsten Begräbnislieder), Rezan Yeşilbaş‘ Uçan Köfteci (Der fliegende Köfte-Verkäufer), Ceylan Özgün Özçeliks Hiçbir Şey Normal Değil (Nichts ist normal), Hasan Tolga Pulats Parçalı Yıllar (Zerbrochene Jahre), Emre Serts und Gözde Yetişkins Sahibinden Rahmet (Des Herrn Segen), Şeyhmus Altuns Aldığımız Nefes (Unser Atemzug) und Emine Emel Balcıs Buradayım, İyiyim (Ich bin hier, mir geht es gut)

Zukunftsangst und Ausweglosigkeit sind unsere Hauptprobleme 

Es ist offensichtlich, dass die unabhängigen Filmschaffenden auf der Suche nach neuen Ästhetiken und Erzählweisen sind. Noch ist ungewiss, wohin diese Suche führen wird, zu beobachten sind aber konkrete Bemühungen, über die zwischen 2000 bis 2020 vorherrschenden Formen, Ästhetiken und Erzählweisen hinauszugehen. Die Tendenz, die Geschichten publikumsfreundlicher zu erzählen, scheint sich durchzusetzen. Die hermetisch abgeriegelten narrativen Strukturen werden immer öfter durch offenere Handlungsstränge ersetzt. 

Das Hauptthema beim überwiegenden Teil der Geschichten ist Ausweglosigkeit. Das ist zurzeit auch allgemein das Lebensgefühl der Menschen in der Türkei, was die Filmschaffenden in unterschiedlichen Facetten versuchen, aufzugreifen. Zudem gibt es Filme, die ihren Blick nach wie vor auf die Provinz richten, doch immer öfter werden auch Geschichten erzählt, die die Probleme der Menschen in den Städten in den Vordergrund rücken.  

Zukunftsangst, wirtschaftliche Probleme, Identitätschaos, der um sich greifende sexuelle Missbrauch als bittere Tatsache in unserem Alltag und die Gewalt, die alle Lebensbereiche durchdringt, werden als wichtigste Themen thematisiert. Im Grunde genommen teilen uns die Filmschaffenden wichtige Botschaften mit, die unser gesamtgesellschaftliches Leben betreffen. Ob diese Botschaften auch ankommen, darüber kann man sicherlich streiten. 

Auch unabhängige Filmschaffende leiden unter schwindendem Kinopublikum 

Der Rückgang der Besucherzahlen ist auch bei FIlmen der unabhängigen Filmschaffenden zu verzeichnen. Selbst wenn ihre Werke grundsätzlich für eine Belebung der Filmkunst in der Türkei sorgen, werden die Chancen, das potentielle Publikum zu erreichen, immer kleiner. So wurden zum Beispiel die 15 umsatzstärksten Filme der unabhängigen Szene im Jahr 2025 insgesamt von ca. 56.000 Zuschauerinnen und Zuschauern besucht. Eine Zahl, die geringer ist als die der Fans in einem gut besuchten Fußballstadion. Dennoch sind die unabhängigen Filmemacherinnen und Filmemacher nicht nur kreativ unterwegs, sondern reisen auch von einer Stadt in die andere, um die Vorführungen durch Publikumsgespräche zu begleiten. Auch das verdient Anerkennung. 

 
Kaum jemand kümmert sich um das Interesse der Kinder an Kino 

Angesichts der Gesamtsituation scheint niemand die Kinder als potentielle Kinogängerinnen und Kinogänger in der Zukunft wahrzunehmen. Das erwachsene Publikum scheint die Bindung zum Kino verloren zu haben, doch acht der zehn umsatzstärksten internationalen und türkischen Produktionen im Jahr 2025 wurden mehrheitlich von Kindern besucht. Sie begeisterten sich vor allem für Animationsfilme und Fantasy-Geschichten. Leider sind sich unsere Filmschaffenden diesem Potential nicht bewusst. Es gibt auch keine Anzeichen dafür, dass die unabhängigen Filmschaffenden sich dieses Potentials annehmen werden. 

 

Olkan Özyurt 

Januar 2026 

Istanbul