Şerif Gören

Regisseur, Türkei

In der Filmsprache von Regisseur Şerif Gören stehen Realismus und Authentizität untrennbar miteinander verankert. So führte er das türkische Kino auf ein international hoch respektiertes Niveau und holte mit »YOL« (Der Weg) für das türkische Kino die erste »Goldene Palme« bei den Filmfestspielen in Cannes. Er führte Regie bei Spielfilmen wie »Umut« (Die Hoffnung),  »Derman« (Trost), »On Kadın« (Zehn Frauen), die mit »YOL« zu Eckpfeilern des türkischen Kinos wurden und Generationen von FilmemacherInnen in aller Welt nachhaltig beeinflussten. Gören schaffte es immer wieder, die Kultur und zugleich die gesellschaftlichen Veränderungen der Türkei in einer universellen Filmsprache zu zeigen: ein Meisterregisseur des internationalen Kinos, der mit seinen Filmen unterschiedlichste Kulturgruppen der Türkei einte und zugleich berührte.

Şerif Gören, ein sehr enger Freund und Weggefährte von Yılmaz Güney, mit dem er eng kooperierte, hat bei mehr als 50 Filmen Regie geführt. Er gehört zu den Künstlerinnnen und Künstlern mit dem Gespür, soziale Probleme frühzeitig auf die große Leinwand zu bringen. Einen besonderen Draht knüpfte er nach Deutschland, als er 1979 seinen Spielfilm »Deutschland, bittere Heimat« in Berlin drehte und so schon sehr früh auf das Leben und die Zukunft der hierzulande lebenden Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter aus der Türkei aufmerksam machte. Während seines einjährigen Gastaufenthaltes in Deutschland drehte er 1988 die Dokumentarfilme »Kartoffel und Zwiebel« und »Rot und Grün« sowie den Kinofilm »Polizei«.

Während seiner Karriere mit über 40 Kinofilmen auf dem Regiestuhl arbeitete er mit den prominentesten Schauspielerinnen und Schauspielern des türkischen Kinos zusammen, entdeckte dabei auch immer wieder junge Talente und ermöglichte ihnen die große Kinokarriere. Er engagierte sich für die Entwicklung einer gerechten Kinobranche und gründete selbst die große Gewerkschaft für Filmsetarbeiterinnen und -arbeiter sowie Tagelöhnern des Filmsektors.

Das Filmfestival Türkei Deutschland ehrt den großen Kinomeister Şerif Gören, der mit seiner außerordentlichen Kunst einen wichtigen Beitrag zum interkulturellen Dialog geleistet hat.

Şerif Gören wird den Ehrenpreis am Eröffnungsabend entgegen nehmen.


 

Es ist eine Geschichte, die mit seiner Geburt 1944 in Griechenlands Xhanti startete ... Dann das Hochschulstudium in der Türkei dank eines Stipendiums, das im Namen des ehemaligen Staatspräsidenten Celal Bayar vergeben wurde ... Anschließend der Einstieg in jenes magisches Metier namens Kino, die ersten Schritte als Cutter bei den Erman Filmstudios, die Bekanntschaft mit dem großen Phänomen Yılmaz Güney, die ersten Arbeiten als dessen Assistent, und schließlich der Beginn seiner eigenen Karriere als Regisseur – als einer der Kreativsten seiner Generation, der zahlreiche Filme drehte ...

Genau, ich rede über Şerif Gören, über einen fleißigen, meisterhaften und produktiven Filmemacher unseres Kinos, der das Lokale mit dem Universellen verbindet. Ich rede über eine Person, die wir stets “Şerif Abi” nennen, den “Großen Bruder Şerif “, eine Person, die von allen geliebt und respektiert wird. Heute, nach stolzen 78 Lebensjahren und im Mittelfeld seines neunsiebzigsten Lebensjahres, mit Blick auf die Zukunft, ist unser Şerif Abi mit seinen unzähligen Werken in das Gedächtnis vieler Generationen eingeschrieben.

Betrachtet man sein Werk näher, so wäre es am zutreffendsten, ihn als einen guten Erzähler zu bezeichnen; ein Meisterregisseur, der das Publikum gekonnt in den Bann seiner Geschichten zieht. Mit der ihm eigenen Geschicktheit und Intelligenz bringt er, jenseits aller technischen Tricks, Geschichten auf die Leinwand, die von unseren Lebenswelten handeln; Geschichten über natürliche und menschliche Katastrophen ...

Ich würde Şerif Gören als einen Ausnahmeregisseur beschreiben, der mit dem “Gleichgewicht der Natur” spielt! Einer, der seine Filme selbst unter widrigsten Bedingungen zu realisieren versteht, sein Verständnis von Kunst mit denkbar knappsten Mitteln umsetzt. So gelang es ihm, Meisterwerke zu drehen wie “Köprü” (Die Brücke) “Deprem” (Das Erdbeben), “Nehir”, (Der Fluss), “Tomruk” (Der Baumklotz), “Kurbağalar” (Die Frösche) und “Yılanların Öcü” (Die Rache der Schlangen).

In seinem Gesamtwerk gibt es nicht nur solche Beispiele. Er arbeitete auch mit Stars der Arabesque-Musik zusammen, die einst von der staatlichen Ideologie verachtet wurden. Er brachte Arabesque-Sänger wie Orhan Gencebay und İbrahim Tatlıses auf die Leinwand und mit dem Publikum zusammen. Sein Film “Abuk Sabuk 1 Film” (1 Unsinniger Film) war ebenfalls eine Pionierleistung und markiert den Beginn des absurden Humors im türkischen Kino. Die Relevanz dieses Films wurde erst viel später erkannt. In seinem Œuvre haben ebenso die Dramen der in Deutschland lebenden Türkinnen und Türken ihren Platz. 1979 drehte er “Almanya Acı Vatan” (Deutschland, bittere Heimat) und 1988 “Polizei”. Besonders “Polizei” mit Kemal Sunal in der Hauptrolle war wichtig, weil Gören darin erzählt, wie ein naiver türkischer Arbeiter durch seine Mitmenschen mißbraucht wird, sein Leben sich aber dank einer Uniform  schlagartig verändert und er vom ehrlichen Bürger auf die dunkle Seite der Macht wechselt.

Şerif Gören vertrat stets eine Weltanschauung, die dem gesellschaftlichen System in seinem Land nicht geheuer war. Für seine Haltung und seinen Widerstand gegen das herrschende System in der Türkei sollte er bestraft werden. Vier Tage nach der Machtübernahme der Militärs am 12. September 1980 wurde er festgenommen, 98 Tage im Polizeigewahrsam der Folter ausgesetzt, anschließend saß er dreieinhalb Monate im Davutpaşa-Gefängnis.  Unmittelbar nach seiner Entlassung hat er den Film “Yol” (Der Weg) gedreht.

Die damals neue Situation unter dem Militärregime, die tiefgehenden gesellschaftlichen Veränderungen und die grundsätzliche Systemfrage brachte er in Filmen wie “Güneşin Tutulduğu Gün” (Der Tag der Sonnenfinsternis), “Beyoğlu’nun Arka Yakası” (Die dunklen Straßen von Beyoğlu) und “Sen Türkülerini Söyle” (Sing’ Du Deine Lieder) mit Themen am Rande der Gesellschaft auf die Leinwand. Die Frauenfrage thematisierte er in “On Kadın” (Zehn Frauen) mit Türkân Şoray in der Hauptrolle.

Natürlich stellt “Yol” (Der Weg) in Şerif Abi‘s Karriere eine Zäsur dar. Er setzte dieses Projekt von Yılmaz Güney, der zu der Zeit im Gefängnis saß, um. Der Film erzählt die Geschichte von einer Gruppe von Strafgefangenen, die während eines Hafturlaubs mit ihrer Vergangenheit abrechnen und erkennen müssen, dass im Grunde genommen das ganze Land ein einziges Gefängnis ist. Der Film teilte sich zusammen mit Costa Gavras’ “Missing” die Goldene Palme in Cannes und war die erste türkische Produktion, die diesen Preis erhielt. Es war sicherlich eine wichtige Anerkennung für Görens Mut und Gewissen, diesen Film unter den Bedingungen des Militärregimes gedreht zu haben.

Eine weitere wichtige Besonderheit von Şerif Gören ist , dass er in seinen Filmen mit den wichtigsten Schauspielerinnen und Schauspielern unseres Kinos zusammenarbeitete, wie zum Beispiel mit Türkan Şoray, Yılmaz Güney, Tarık Akan, Hülya Koçyiğit, Şener Şen, Fatma Girik, Kadir İnanır, Cüneyt Arkın, Müjde Ar, Fikret Hakan, Şerif Sezer, Necla Nazır, Nur Sürer oder Talat Bulut ...

Nicht zuletzt muss ich einige Worte über meine Freundschaft mit Şerif Abi loswerden. Eine Freundschaft, die während unserer Begegnungen auf den Filmfestivals entstand und Dank seiner humorvollen und sarkastischen Art immer intensiver wurde und inzwischen eine Tiefe erreicht hat, die von ganz besonderen Erinnerungen getragen wird. Meines Erachtens sind diese ganz persönlichen Begegnungen Teil eines kollektiven Gedächtnisses, wenn wir über die Historie des türkischen Kinos reden. Zudem glaube ich, dass Şerif Abi, der niemals seine gute Laune verliert, wie kein anderer Regisseur seiner Generation Interesse zeigt für neue Stimmen und junge Kolleginnen und Kollegen. Auf den Festivals schaut er sich fast jeden Film an, teilt seine positive oder negative Meinung – wenn auch nicht “offiziell” (!) – mit der “Bande von Filmkritikern”.

Außerdem ist er ein leidenschaftlicher Fußballzuschauer und Beşiktaş-Fan. So sehr, dass er bei der Verleihung des “Sonderpreis 50 Jahre” auf dem Filmfestival in Antalya sagte: “Ich bin gegen die Zensur im Kino, das ich als junger Rebell betrat, ich bin gegen die US-Konzerne und andere Monopole in der Branche, ich bin gegen die Militärputsche und Folter. Ich bin auch gegen die Selbstzensur in mir. Deswegen bin ich ein Fan von Çarşı.” Nachdem er das sagte, zeigte er allen das T-Shirt der aufständisch-progressiven Beşiktaş-Fangruppe Çarşı, das er unter seiner Jacke trug.

Şerif Abi gehört zu den Ausnahmen seiner Generation – und mit meiner ganzen Liebe und Respekt für ihn beende ich meine Zeilen und wünsche allen ein gelungenes Festival ...

Uğur Vardan

Filmkritiker und Filmjournalist
Istanbul, Februar 2023