Das Jahr 2017 war für das Kino in der Türkei wieder einmal ein Jahr der Rekorde. Die Gesamtanzahl der Zuschauer stieg um 22%, die Zuschauer türkischer Produktionen sogar um 30%. Die Anzahl türkischer Filme stieg dabei im Vergleich zum Vorjahr um 12% auf insgesamt 151 Filme. Allerdings: Wenn man diese Zahlen mit den extrem produktiven Jahren vor 1980 vergleicht - in denen es noch keine soliden Statistiken gab. wäre 2017 vielleicht doch kein Rekordjahr gewesen.

An den Kinokassen wurden insgesamt 71 Millionen Eintrittskarten verkauft; 40 Millionen davon gingen an türkische Produktionen.  Das bedeutet, dass das heimische Kino einen Anteil von 60% der Zuschauer innehält. Das ist  auch im weltweiten Maßstab beeindruckend. Bei der Aufteilung kann man aber von “Ungerechtigkeit” sprechen: während die meistgesehenen zehn Filme etwa 30 Millionen Zuschauer hatten, verteilten sich die restlichen 10 Millionen Eintrittskarten auf 140 Produktionen.

Die Anzahl der Produktionen und der Zuschauer sind beachtlich. Beachtlich ist jedoch auch, dass viele der Filme, die einen Verleih fanden, keine Spuren hinterlassen werden. Etwa ein Fünftel der insgesamt 40 Millionen Tickets gingen an den Film „Recep Ivedik 5“. Ein Achtel an den Film „Ayla“, der über unsere ‚Nützlichkeit‘ im Koreakrieg erzählt und versucht, zu beweisen, dass wir als ein unzertrennlicher Teil der westlichen Welt  anerkannt werden müssen. Die Zuschauerzahl des meiner Meinung nach besten Films des Jahres, „Sarı Sıcak“ (Sonnenwärme), lag dagegen gerademal bei 5.000.

Wenn wir die Präsenz des türkischen Kinos auf internationalen Festivals betrachten, müssen wir leider akzeptieren, dass es ein durchschnittliches, ja sogar eher schwaches Jahr war. Es gab keine großen Preise bei den namhaften, internationalen Festivals. Semih Kaplanoğlu erhielt mit seinem früheren Film „Bal” (Honig) einen Goldenen Bären auf der Berlinale, während sein letzter Film „Buğday” (Weizen) zwar in Tokio den großen Preis erhalten hat, es aber nicht  in die Wettbewerbe der großen Festivals von Venedig, Cannes und Berlin schaffte. Nicht nur „Buğday” - kein einziger türkischer Film war im Wettbewerb der drei großen Festivals. Zumindest hat Fikret Reyhan für seinen Film „Sarı Sıcak“ auf dem internationalen Filmfestival in Moskau den Preis für die beste Regie erhalten.

Über den Film „Sarı Sıcak“ hatte ich in einem Artikel geschrieben: “Was den Film besonders macht, ist, dass er, während er die Geschichte eines einzelnen Menschen erzählt, auch darstellt, wie sich die sozioökonomische Struktur, in der sich dieser Mensch befindet, verändert.” Das erscheint auf den ersten Blick vielleicht nichts Besonderes zu sein. Es erscheint vielleicht unumgänglich, dass der Einzelne mit der Gesellschaft interagiert, dass eine Verbindung zwischen der inneren und der äußeren Welt besteht. Aber so ist das nicht. Ich denke, dass die Bande zwischen der Gesellschaft und dem Einzelnen nicht nur im türkischen, sondern auch im internationalen Kino, gerissen ist. Die gesellschaftliche Realität ist in unserem Zeitalter der Regression nichts weiter als der Hintergrund einer ewigen und immerwährenden Bosheit des Menschen. Der Neoliberalismus, der in den 80er Jahren vom Thatcher-Reagan Duo angeführt wurde, führte in der Kunst dazu, dass die allgemeine Gesellschaftskritik von der Moralkritik abgelöst wurde. Moralkritik ist eine Art der Kritik, die den Einzelnen zur Zielscheibe macht und nicht die Welt verändern will. Ich denke, dass das türkische Kino, von Zeki Demirkubuz bis Nuri Bilge Ceylan in diesem Rahmen zu betrachten sind.

Auch der Meisterregisseur Reha Erdem, dessen letzter Film 2017 im Kino zu sehen war, hat einen Hang dazu. Im Mittelpunkt stehen Generationskonflikte zwischen den „bösen“ Alten und den aufbegehrenden, „guten“ Jungen. „Koca Dünya” (Große, weite Welt) war so ein Film. Er erhielt 2016 in Venedig in der Sparte Orizzonti den Spezialpreis der Jury.

Die türkische Produktion, die international den größten Erfolg hatte, war zweifelsohne „Kedi” (Katze, Ceyda Torun). „Kedi” zeigt wahrscheinlich die schönste Seite Istanbuls und der Istanbuler. Indem wir die Katzen füttern und sie beschützen, möchten wir im Grunde unsere eigene Menschlichkeit und unsere eigene Lebensfreude bewahren. Dieser Dokumentarfilm gibt dieses Lebensgefühl exzellent wieder. Und „Kedi” hat es damit sogar in die Bestenliste der Zeitschrift Time geschafft. Neben „Kedi“ haben unter den Dokumentarfilmen vor allem  die Filme „Benim Varoş Hikayem” (Meine Vorstadtgeschichte) von Yunus Ozan Korkut und „Blue” von Sertan Ünver Beachtung verdient.

Qualitativ wertvoll waren auch die Spielfilme „İşe Yarar Bir Şey” von Pelin Esmer und „Zer” von Kazım Öz. Etwas anderes, das im letzten Jahr auffiel war die zunehmend allegorische Erzählweise. Vielleicht ist es schwierig geworden, sich direkter auszudrücken, vielleicht wollten die Regisseure aber auch großes Kino machen. „Kaygı” (Entflammt) von Ceylan Özçelik (ein Beitrag in der Sektion Panorama der Berlinale), „Taş” (Der Stein) von Orhan Eskiköy oder „Körfez” (Die Bucht) von Emre Yeksan sind Beispiele für den Hang zur Allegorie. Auch „Buğday“ gehört auf diese Liste. Vielleicht auch „Genco” von Ali Kemal Çınar, der beschreibt, dass „unkontrollierte Macht keine Macht ist”.

Die Tatsache, dass das Ministerium für Kultur immer mehr nach politischen statt nach künstlerischen Richtlinien fördert, wird sich in den kommenden Jahren negativ bemerkbar machen. Aber vielleicht werden auch unsere Regisseure mit ihrem künstlerischen Potenzial andere Wege finden, um eine engere Verbindung zu ihrem Publikum aufzubauen. Seien wir trotz allem optimistisch.

Cüneyt Cebenoyan

Filmkritiker

İstanbul