Dass die deutsche Komödie „Fack Ju Göhte 3“ mehr Zuschauer ins Kino lockte als US-Blockbuster wie „Star Wars - Die letzten Jedi“ oder auch „Fifty Shades of Grey“, mag eine gewisse Genugtuung erzeugen. Was nichts an der Tatsache ändert, dass US-Filme weiterhin die Kinolandschaft zumindest quantitativ beherrschen. Hinzu kommt der omnipräsente visuelle Tsunami in Form von You Tube und anderen Internet-Filmstreams. Ein guter Grund, sich Sorgen zu machen. Volker Schlöndorff, Ehrengast des diesjährigen Nürnberger Festivals und ganz gewiss einer der wichtigsten deutschen Regisseure, hat seinen Unmut über die aktuellen Entwicklungen jüngst in einem Publikumsgespräch so auf den Punkt gebracht:

„Auf der einen Seite leben wir also in einer ständigen audiovisuellen Flut von Bildern und Tönen, man nimmt die Wirklichkeit fast nur noch dann wahr, wenn man sie auf seinem Selfie oder You Tube oder sonst wo gesehen hat. Aber wir wissen auch, da fehlt etwas. Das sind lauter unverarbeitete Bruchstücke, denn eigentlich geht es ja beim Film darum, eine Geschichte zu erzählen. Dazu genügt es nicht, die Wirklichkeit schnell aufzunehmen und abzubilden. Man konsumiert eben nur noch über diese ganz anderen Medien, und damit ändert sich der Film sehr.“

Umso schöner, dass gerade in Sachen Kinder- und Jugendfilm deutsche Filmemacher die Nase vorn haben, und zwar mit großem Publikumserfolg. Das waren 2017 Filme wie die dritte Inszenierung von Junghexe Lilli in „Hexe Lilli rettet Weihnachten“. Und Regisseur Andreas Dresen, der seinen Sinn für menschliche Zwischentöne einst nicht nur in seinem „Sommer vorm Balkon“ bewiesen hat, war sich nicht zu schade, mit „Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen“ jenen ZDF-Klassiker aufzufrischen. In Scharen strömte das sehr junge Publikum in „Bibi & Tina: Tohuwabohu Total“ von Regisseur Detlev Buck, die vierte Kino-Version nach der gleichnamigen Kinderhörspielserie: enorme 1,7 Millionen Zuschauer wollten das sehen! Ebenfalls im Galopp erreichte ein Pferd namens Ostwind die Herzen kleiner Kinogänger: „Ostwind – Aufbruch nach Ora“ mit 1,2 Millionen Zuschauern. Als gut gewürzt erwies sich auch die Kinoversion einer TV-Serie: Die Pfefferkörner und der Fluch des schwarzen Königs“ von Regisseur Christian Theede.

Die Deutschen sind umringt von Comedy-Stars, Witzemachern und Humoristen. Da wird auf allen TV-Kanälen rund um die Uhr geblödelt – weil das Volk es so will. Es will lachen, weil das wirkliche Leben nicht zum Lachen ist. Und so wurde der Kino-Abräumer des Jahres 2017 ein weiteres Serial: „Fack ju Göthe 3“ mit ziemlich sagenhaften 6 Millionen Zuschauern! Seinen erfolgreichen „Lammbock“ aus dem Jahre 2001 hat Christian Zübert, der nun wirklich kein Mainstream-Regisseur ist, mit Verstand neu belebt, weiterentwickelt und schlicht „Lommbock“ getauft. Michael Bully Herbig, Christian Tramitz und Rick Kavanian schlugen erneut erfolgreich zu mit der schrägen Comedy-Show „Bullyparade – Der Film“, den sich immerhin 2 Millionen lachende Zuschauer bieten ließen. Solide aufgekocht wurde die vierte niederbayerische Krimikomödie „Grießnockerlaffäre“, die in ihren besten Momenten einigen Sinn für zwar groben, aber schön pechschwarzen Humor auf die Leinwand zu bringen vermochte. Viel dezenter und schrulliger präsentierte sich der Nachfolger von „Herr Lehmann“ mit Charly Hübner, der als Kumpel Schmidt wegen schwacher Nerven den Mauerfall verpasst und jede Orientierung verloren hat: „Magical Mystery“ nach dem Buch von Sven Regener. Die dänisch-deutsche Kooperation „The Square“ erwies sich als originelle und handfeste Gesellschafts-Satire darüber, was passiert, wenn jemand sein Handy verliert: Dafür gab es immerhin die Goldene Palme“. Verhoben hat sich leider Margarethe von Trotta, die normalerweise gewichtige Frauen-Stoffe mit relativ leichter Hand verarbeitet hat, in ihrer Komödie über zwei Frauen, die demselben Mann anhängen: „Forget about Nick“. Edel-Kabarettist Josef Hader, der als Schauspieler in „Vor der Morgenröte“ als Stefan Zweig gezeigt hat, zu welch sensiblen Nuancen er fähig ist, erfreute in seinem ersten eigenen Spielfilm „Die wilde Maus“, einer deutsch-österreichischen Koproduktion, durch schmähfreien Humor mit viel Sinn für Situationskomik.

Genug gelacht! Einer der besten und wagemutigsten deutschen Regisseure ist ohne Zweifel Fatih Akın. Mit dem wütenden, zeitkritischen Rache-Thriller „Aus dem Nichts“ war er in Hochform. Angeregt durch das Ermittlungsdesaster in Sachen „NSU“-Morde, lässt er die nie zuvor so starke und berührende Diane Kruger, nach dem ungesühnten Mord an ihrem kurdischen Ehemann durch ein Neo-Nazi-Paar, das Recht selbst in die Hand nehmen. Akın gelang damit der stärkste und intensivste deutsche Film des Jahres 2017. Völlig zu Recht erhielt er jüngst dafür den wichtigen Filmpreis „Golden Globe“! Nicht minder direkt, impulsiv und vital ist das Berlin-Drama über zwei junge, sehr ungleiche Frauen: „Tiger Girl“, ein Film von Regisseur Jakob Lass mit der furiosen und immens präsenten Ella Rumpf in der Titelrolle. Da werden Energien auf der Leinwand entfesselt, die sich den Teufel um Psycho-Logik und überraschungsfreie Dramaturgie scheren. So viel Provokation auf solchem Niveau war im Kino-Jahr 2017 eine Rarität!

Nicht „Einigkeit und Recht und Freiheit“, sondern „Einsamkeit und Sex und Mitleid“ heißen die so heftigen wie unterkühlten Shot Cuts von Regisseur Lars Montag, eine provozierend in Szene gesetzte Gesellschaftssatire nach dem gleichnamigen Bestseller von Helmut Krausser über das Liebesleben von 15 neurotischen Großstadtmenschen, deren Wege sich kreuzen. Da setzt Michael Haneke, der einst dem Zuschauer an die Gurgel ging, schon lieber auf ein „Happy End“. so der Titel seines jüngsten Films, noch eine deutsch-österreichische Koproduktion. Klar, dass Haneke nicht in die Idylle flüchtet, wenn er dem Zusammenprall einer bürgerlichen Familie mit Flüchtlingen so subtil komisch wie psychologisch heftig schildert. Die Beschäftigung mit längst nicht „abgearbeiteter“ deutscher Geschichte mündet in dem Doku-Drama „Die Unsichtbaren – Wir wollen leben“ nicht in ein – wie so oft – pathetisches Melodram. Regisseur Claus Räfle hat, basierend auf authentischen Zeitzeugenberichten, eindrucksvoll die Erlebnisse von vier jungen Juden, die in Berlin zu Zeiten der Judenverfolgung durch die Nazis untertauchten, in Szene gesetzt.

Volker Schlöndorffs „Rückkehr nach Montauk“ ist keineswegs eine Literaturverfilmung nach Max Frisch. Der äußerlich „ruhige“ Film ist ein hinreißend gespieltes und inszeniertes, vielschichtiges Kammerspiel über eine gescheiterte Liebe, das auf jede Melodramatik verzichten kann. Ähnliches gilt auch für die ganz auf vordergründige Bildsprache und Effekte verzichtende Versuchsanordnung von Valeska Grisebachs „Western“. Da werden vertraute dramaturgische Muster klug unterlaufen. Auch dies einer der wenigen außerordentlichen deutschen Spielfilme des Jahres 2017, das wesentlich geprägt wurde durch Sequels und das Weiterstricken von Erfolgsmustern.

Noch einmal Volker Schlöndorff: „Das Schöne ist nicht die Größe der Leinwand im Kino, sondern das Gemeinschaftserlebnis mit einem Publikum. Und ich bin selbst ein Teil des Publikums. Alles, was ich auf der Leinwand sehe, verändert sich durch die Leute, die um mich herum sind. Und deshalb ist Film auch durch sämtliche neuen Formate an sich nicht gefährdet: Gemeinschaftserlebnisse brauchen wir einfach.“

 

Jochen Schmoldt

Journalist

Nürnberg