Das Festival zeichnet die visuelle Ästhetik aus. Kameramann Jürgen Jürges und Fotograf Ara Güler erhalten den „Ehrenpreis“ des Festivals.

Das Filmfestival Türkei Deutschland ehrt bei der 22. Auflage zwei herausragende Künstler, die mit ihrem künstlerischen Schaffen die visuelle Ästhetik der internationalen Foto-Kinokunst über mehrere Generationen hinweg nachhaltig beeinflusst haben.

Ara Güler erhält den Ehrenpreis des Festivals für seine tragende Rolle in der Internationalisierung des Kunstverständnisses der Türkei nach den 50er Jahren. Seine individuelle Perspektive, in der immer wieder der Mensch in den Mittelpunkt rückt, seine Kunst in der Darstellung von Menschen aus aller Welt, als ob sie unsere Nachbarn wären, ebnete nicht nur den türkischen Kinokünstlern den Weg zu einem Selbstverständnis der Internationalität und Interkulturalität. Güler ist die Referenz der visuellen Ästhetik der kulturellen Brücken, des Humanismus und der Individualität. Die bildhafte Intensität vieler der uns bekannten Kino-Werke haben wir seinem Lebenswerk, der „ècole Ara Güler“, zu verdanken.

Jürgen Jürges erhält den Ehrenpreis des Festivals für seine ganz außerordentliche cinéastische Kontinuität und sein Engagement im türkischen Kino in Zusammenarbeit mit den renommierten Regisseuren des Landes. Nicht nur für die türkischen Regisseure war er stets der Garant von sensibler Qualität in Bild, Licht, Raum und Perspektive. Mit seiner Souveränität in der Kameraarbeit, die in Hollywood richtigerweise mit „Director of Photography“ respektiert wird, war er die ideale Hand und das Auge seiner Regisseure. Er trug wesentlich bei zur Vermittlung des deutschen Films in der internationalen Kinowelt. In der Türkei erfuhr der Begriff »Made in Germany« seinen Einzug ins türkische Kino erst mit Jürgen Jürges. Auf seine einfühlsame Kameraarbeit, die stets mit dem höchsten Anspruch an visuelle Qualität verbunden ist – ob im deutschen oder türkischen Film – war und ist immer Verlass. 

Jürgen Jürges und Ara Güler werden Ihre Preise bei der Eröffnungsveranstaltung am 4. März persönlich entgegennehmen. 

 

 

Seine Filmografie liest sich wie die Geschichte des Neuen Deutschen Films: Kameramann Jürgen Jürges. Kaum ein bedeutender deutscher Filmregisseur, mit dem er nicht zusammengearbeitet hätte: von Volker Schlöndorff über Rainer Werner Fassbinder zu Wim Wenders. Seine Entwicklung begann als Kameraassistent bei Volker Schlöndorffs Klassiker aus dem Jahre 1965, die Robert Musil-Verfilmung von Der junge Törless, und nur wenige Jahre später war er gefragter Chefkameramann, drehte aber auch einen Tatort-Klassiker unter Rolf von Sydow, Kressin stoppt den Nordexpress. 1973 ist er bereits bei Fassbinder und dessen auch durch die außerordentlichen Schwarzweiß-Bilder gerühmter Fontane-Verfilmung Effi Briest. Es folgt Die Zärtlichkeit der Wölfe mit Fassbinder-Kumpan Uli Lommel und kurz danach eine intensive visuelle Zusammenarbeit mit Fassbinder in Angst essen Seele auf.

Auch an der Episode von Hans-Peter Cloos für Deutschland im Herbst im Jahre 1977/78 ist er beteiligt. Bei dem Erfolgsfilm Die flambierte Frau von Regisseur Robert van Ackeren (1982) sind seine Bilder stilbildend. Das sehr poetische Opus In weiter Ferne, so nah! von Wim Wenders wird ganz wesentlich von seinen sensiblen Bildern geprägt. Dafür erhielt er 1994 den Deutschen Filmpreis. Und mit Michael Hanekes Funny Games (1996) war er an einem weiteren Filmklassiker maßgeblich beteiligt. 1987 brillierte er als Kameramann für Eisenerde Kupferhimmel von Zülfü Livaneli, und ein Jahr später noch einmal mit Livaneli in Sis – Der Nebel. 1998 drehte er mit dem türkischen Regisseur Yılmaz Arslan den Film Yara über die Odyssee einer jungen Deutsch-Türkin. Für Sawdust Tales in der Regie von Barış Pirhasan erhielt er die Auszeichnung „Beste Kamera“ beim l Filmfestival Ankara (1998). Und mit Regisseur Erden Kıral arbeitete er für Der Jäger (Avcı, 1997), danach ebenfalls in der Türkei preisgekrönt für die „Beste Kamera“. Helmut Dietl holte ihn hinter die Kamera für Vom Suchen und Finden der Liebe. Dann drehte er das szenisch aufwendige und mehrfach preisgekrönte Historiendrama John Rabe mit Regisseur Florian Gallenberger. Wieder anders in Stil und Bild seine Zusammenarbeit mit Wolfgang Becker in Ich und Kaminski, der Verfilmung des Bestsellerromans von Daniel Kehlmann. Seine jüngste Dreharbeit absolvierte er mit Regisseur Peter Ott für den von Mehmet Aktaş produzierten Film Das Milan Protokoll (2016), das Psychodrama einer durch den IS entführte Ärztin. 

Beim Nürnberger Filmfestival Türkei-Deutschland 2017 wird er nun für seine außerordentliche, stets engagierte und enorm einfühlsame Kameraarbeit geehrt. 

Kurzbiografie

Jürgen Jürges wurde am 12. Dezember 1940 in Hannover geboren. Er hatte eine Diplom-Ausbildung an einer Fotofachschule in Berlin und war bis 1963 Kameravolontär bei der »art film GmbH« des Regisseurs Hans-Jürgen Pohland. Danach war er Kameraassistent, ab 1970 arbeitete er als Chefkameramann für etliche Dokumentar- vor allem aber Spielfilme. Er gewann mehrere deutsche Filmpreise und weitere Auszeichnungen für seine Kameraarbeiten, zuletzt im März 2016 den „16. Marburger Kamerapreis für herausragende Bildgestaltung im Film“.

Das Auge Istanbuls

„Wenn ich die Hagia Sophia fotografiere, ist für mich der Mensch, der gerade an ihr vorbeiläuft, am wichtigsten“.

Ara Gülers scharfer Blick für das Menschliche im Alltag machte ihn schon früh zur Legende: Bereits 1961 wählte ihn das englische Magazin „Photography Annual“ zu den sieben besten Fotografen der Welt. Ein Jahr später wurde er mit „Master of Leica“ ausgezeichnet. Zahlreiche nationale und internationale Preise folgten. Über 800 000 Fotografien umfasst sein Archiv mit Aufnahmen aus aller Welt, mit Bildern, die verschiedene Museen aller Welt schmücken. Ara Güler als den wichtigsten türkischen Fotografen zu bezeichnen, dürfte die Verkennung seines Lebenswerkes sein. Er gehört vielmehr zu jenen internationalen Fotografen, die mit ihrem Schaffen und Verständnis der Fotografie das Bild vom Zeitgeschehen der Welt in den letzten 60-70 Jahre nachhaltig beeinflussten. 

Für viele Künstler sowohl aus der Fotografie als auch aus dem Kinobereich war er der Wegweiser für das Wesentliche im visuellen Bereich. Seine Ästhetik war Vorbild für viele Regisseure. Nicht wenige Kinofilme haben ihren Erfolg der Inspiration und der Schule von Ara Güler zu verdanken. Für Ara Güler ist Fotografie keine Kunst. „Sie braucht auch keine Kunst zu sein. Denn Fotografie dokumentiert einen Moment des wahren Lebens. Weil es die Wahrheit gibt, gibt es auch die Fotografie. Alles andere is Imagination“.

Das Festival ehrt diesen außergewöhnlichen Fotografen mit internationalem Ruhm und zeigt am 4. März 2017, am Eröffnungsabend, auch einen ganz neu produzierten Dokumentarfilm (Eine Legende aus Istanbul, Regie: Osman Okkan, 2016) über sein Schaffen und seine Kunst. 

Kurzbiografie

Ara Güler, Sohn einer armenischen Apothekerfamilie, wurde 1928 in Istanbul geboren. Seit Kindheitstagen ist er vom Kino fasziniert und besuchte Theaterkurse des Regisseurs Muhsin Ertuğrul. Später studierte er Volkswirtschaft. Seine Karriere als Fotojournalist begann 1950 bei der Zeitung „Yeni Istanbul“. Danach ging es steil bergauf: Er arbeitete als Nahostkorrespondent für internationale Magazine wie „Time Life“ oder „Stern“ und wurde Mitglied der Agentur „Magnum Photos“. Prominente wie Alfred Hitchcock, Maria Callas, Indira Gandhi, Pablo Picasso oder Salvador Dali gehörten zu seiner Klientel. Aber seine große Liebe galt immer der Metropole am Bosporus. Im Zentrum stehen dabei die Menschen. Er zeigt uns alltägliche Straßenszenen, Händler und Fischer, Kinder und Alte. Dabei vertraut der Autodidakt auf sein Gespür: Nicht die Technik zählt, sondern das geschulte Auge dahinter. Der 88-Jährige lebt und arbeitet in Istanbul. Er erhielt viele nationale und internationale Auszeichnungen. In diesem Jahr wurde er in der „Leica Hall of Fame« aufgenommen.